Logo EversOK

OLG Rostock, 04.03.2009 - 1 U 57/08 - (Urteil)

OLG Rostock, 04.03.2009 - 1 U 57/08 - (Urteil)

ECLI

ECLI:DE:OLGROST:2009:0304.1U57.08.0A

Gesetz

§ 89 b HGB; § 89 b Abs. 1 HGB; § 89 b Abs. 5 Satz 1 HGB; § 92 Abs. 2 HGB; § 812 Abs. 1 BGB

Stichworte

AA des VV; wichtiger Grund; Nachschieben von Kündigungsgründen; Abgrenzung Vorbereitung nachvertraglicher Wettbewerbstätigkeit / Wettbewerb; Rechtsnatur der Abrechnung des U über den AA; Anerkenntnis; Schuldanerkenntnis

Anmerkung



rkr.; Vorinstanz LG Stralsund, 18.12.2007 - 4 O 220/07 -, die Vorinstanz hatte der Klage stattgegeben mit der Begründung, dass ein Anspruch auf Rückzahlung des gewährten Ausgleichs mangels Rechtsgrundes für die Zahlung aus § 812 Abs. 1 BGB gegeben sei, wobei der rechtliche Grund für die Ausgleichszahlung gemäß § 89 b Abs. 3 Nr. 2, Abs. 5 HGB entfallen sei, da das VU den VVV gekündigt habe und überdies ein wichtiger Grund zur Kündigung wegen schuldhaften Verhaltens des VV vor Beendigung des HVV vorgelegen habe; der VV sei nämlich den VN bei der Abfassung von Kündigungsschreiben gegenüber dem VU vor Beendigung des Agenturvertrags behilflich gewesen, er habe sich daher wettbewerbswidrig verhalten und damit schuldhaft gegenüber dem VU bestehende vertragliche Pflichten verletzt.

Der Senat hat die Revision nicht zugelassen. Gründe gemäß § 543 Abs. 2 ZPO bestünden nicht. Weder sei die Rechtssache von grundsätzlicher Bedeutung, noch sei eine Entscheidung des Revisionsgerichts zur Fortbildung des Rechts oder der Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung erforderlich. Eine Rechtsunsicherheit bestehe auch nicht hinsichtlich der Frage der Anwendbarkeit des europarechtlich auszulegenden § 89 b Abs. 3 Nr. 2 HGB auf den VV. Davon könne angesichts des eindeutigen Wortlauts der §§ 92 Abs. 2 und § 89b Abs. 5 HGB nicht ausgegangen werden. Der Senat weiche mit seiner Entscheidung ebenfalls nicht von der Rechtsprechung des BGH (BGHZ 40, 14; 24; 35; 48, 222) ab, da diese vor dem Inkrafttreten der Europarechtsrichtlinie ergangen sei und die nationale Pflicht zur Umsetzung der Richtlinie noch nicht berücksichtigt hat, mithin schon nicht mehr einschlägig sei.

zu der Entscheidung vgl. Faulhaber, jurisPR-HaGesR 9/2009 Anm. 1;

zu LS 1 - richtlinienkonforme Auslegung der Vorschrift des § 89 b Abs. 5 i.V.m. Abs. 1 HGB 1989 - vgl. Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 2.A., § 89 b Rz. 90; vgl. aber BGH, 23.11.2011 LS 1, 11 - DVAG 27 -; ferner die Nachweise zu Anm. 5;

zu LS 3 vgl. EuGH, 28.10.2010 LS 7 ff. - Volvo 5 -; BGH, 16.02.2011 LS 4 - Volvo 5 -; KG, 15.09.1994 LS 4 m.w.N.; OLG Köln, 04.11.2011 LS 28; Pauly, MDR 13, 694, 697; Thume, IHR 11, 7, 15 f.; ders., VersR 12, 665, 666; Küstner, VW 10, 131; vgl. aber BGH, 29.04.2009 LS 12 - Volvo 5 -;

3.1 Nach zutreffender Ansicht ist der Wortlaut des § 89 b Abs. 3 Nr. 2 HGB 1989 gemessen an der Vorgabe des Art. 18 lit. a RiLi 86/653/EWG zu weit gefasst.

3.2 Die Rspr. des BGH, nach der die Kündigung des U nicht auf dem schuldhaften Verhalten des HV zu beruhen brauche, widerspricht Art. 18 lit. a  RiLi 86/653/EWG.

3.3 § 89 b Abs. 3 Nr. 2 HGB ist richtlinienkonform einschränkend dahin auszulegen, dass ein Kausalzusammenhang zwischen dem schuldhaften Verhalten des HV und der Kündigung bestehen muss; eine analoge Anwendung der Vorschrift, wie sie der BGH bisher praktiziert hat, ist nicht mehr zulässig.

3.4 § 89 b Abs. 3 Nr. 2 HGB verlangt auch nicht lediglich, dass der U das Vertragsverhältnis gekündigt hat und für die Kündigung ein wichtiger Grund wegen schuldhaften Verhaltens des HV vorgelegen hat. Nach Art. 18 lit. a der RiLi 86/653/EWG besteht der AA des HV nicht, wenn der U den Vertrag wegen eines schuldhaften Verhaltens des HV beendet hat, das aufgrund der einzelstaatlichen Rechtsvorschriften eine fristlose Beendigung des Vertrages rechtfertigt. Erfordert die RiLi daher, dass der U den HVV beendet hat, kommt in richtlinienkonformer Auslegung der Vorschrift des § 89 b Abs. 3 Nr. 2 HGB nur eine Beendigung durch eine (einseitige) rechtsgestaltende Erklärung des U in Betracht. Diese aber setzt die wirksame Ausübung des Gestaltungsrechts voraus. Daran fehlt es, wenn die außerordentliche Kündigung nicht geeignet ist, den HVV mit ihrem Zugang zu beenden, weil der U entgegen § 314 Abs. 3 BGB nicht innerhalb der angemessenen Frist gekündigt hat, nachdem er vom Kündigungsgrund Kenntnis erlangt hat (OLG Köln, 04.11.2011 LS 21 m.w.N. - spanisches Mineralwasser -; Anm. 71.2 zu KG, 22.02.2021; a.A. KG, 22.02.2021 LS 170).

3.5 Andererseits ist es für den Ausschluss des AA gemäß § 89 b Abs. 3 Satz 2 HGB nicht erforderlich, dass der U das Vertragsverhältnis außerordentlich gekündigt hat. Entscheidend ist, ob im Zeitpunkt des Ausspruchs der Kündigung auch eine außerordentliche Kündigung möglich gewesen wäre (KG, 15.09.1994 LS 4 m.w.N.) und zwar wegen eines schuldhaften Verhaltens des HV, das der U zum Anlass genommen hat, den HVV zu kündigen. Unter diesen Umständen reicht auch eine ordentliche Kündigung, sofern diese den Vertrag beendet. 

3.6 Hat der U die Kenntnis von dem schuldhaften Verhalten des HV erst nach Vertragsbeendigung erlangt, so dass er nicht mehr wegen dieses Verhaltens kündigen kann, ist das Verhalten nur noch im Rahmen der Billigkeitsprüfung nach § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB zu berücksichtigen (OLG Koblenz, 22.03.2007 LS 2; NJW-RR 07, 1044 f.; Canaris, Handelsrecht, 24.A., § 15 Rz. 119; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. XI Rzz. 144 f.; Röhricht/Graf von Westphalen/Thume, HGB, 3.A., § 89 b Rz. 140; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 178; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 83; Hopt, Handelsvertreterrecht, 6.A., § 89 b Rz. 66; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 89 b Rz. 66; Koller/Kindler/Roth/Drüen, HGB, 9.A., § 89 b Rz. 17; Fischer, ZVglRWiss 02, 143, 156 f.).

zu LS 5 - Anwendbarkeit der RiLi 86/653/EWG auf den VV bejahend - vgl. EuGH, 17.05.2017 LS 8 m.w.N. - ERGO 1 -; OLG Frankfurt/Main, 06.07.2010 LS 3 - DVAG 27 -; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 89 b Rz. 66; wohl auch OLG Oldenburg, 16.09.2010 LS 3 - ABV 1 -; verneinend dagegen BGH, 21.02.2013 LS 3, 4, 5 - LVM 1 -; 23.11.2011 LS 1, 11 - DVAG 27 -; OLG Hamm, 22.03.2010 LS 2 - LVM 1 -; einschränkend Anwendbarkeit der RiLi 86/653/EWG auf den VH MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 178;

zu LS 6 vgl. a.A., Pauly, MDR 13, 694, 697;

zu LS 7 vgl. a.A., Pauly, MDR 13, 694, 697;

zu LS 13 vgl. EuGH, 28.10.2010 LS 7 ff. - Volvo 5 -; KG, 22.02.2021 LS 7; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 178; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 89 b Rz. 66; Oetker/Busche, HGB, 7.A., § 89 b Rz. 39; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 84; Pauly, MDR 13, 694, 697; a.A. Heymann/Sonnenschein/Weitemeyer, HGB, 2.A., § 89 b Rz. 90; Balke/de Groot, NJOZ 10, 1551, 1555; sowie zu § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB 1953, Schröder, Recht der Handelsvertreter, 5.A., § 89 b Rz. 29;

zu LS 17 vgl. MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rzz. 83, 129a;

zu LS 18 vgl. BGH, 08.05.2014 LS 9 - DVAG 27 -; 21.05.1975 LS 17 m.w.N.;

zu LS 20 vgl. MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 142;

zu LS 21 vgl. MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 115;

zu LS 22 vgl. LG Berlin, 19.01.2018 LS 32;

zu LS 24 vgl. MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 116;

zu LS 28 vgl. Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 16;

zu LS 29 vgl. Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 17;

zu LS 30 vgl. OLG Düsseldorf, 26.03.2004 LS 11, 13; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 17;

zu LS 37 vgl. Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 89 b Rz. 40;

zu LS 42 vgl. Palandt/Sprau, BGB, 77.A., § 818 Rz. 55;

zu LS 43 43.1 Im Streitfall war weder das Vorliegen der beiden Anspruchsvoraussetzungen des § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und 2 HGB noch die Höhe des durch das VU ermittelten AA zwischen den Parteien streitig. Die Berechnung des VU war nachvollziehbar und entsprach den "Grundsätzen zur Errechnung der Höhe des AA." Die Höhe des AA ist nach der Durchschnittsprovision des VV in den letzten 5 Jahren unter Berücksichtigung der prognostischen Tätigkeitsdauer ermittelt worden.

43.2 Die Provisionsabrechnung des U nach § 87 Abs. 1 HGB ist grundsätzlich als abstraktes Schuldanerkenntnis zu werten (vgl. BGH, 07.02.1990 LS 3 m.w.N.). Es ist nicht erkennbar, warum für die vom VU erteilte Abrechnung über den AA des VV etwas anderes gelten soll. Selbst dann, wenn das VU den VV mit der Abrechnung auffordert, den errechneten Betrag anzuerkennen, verliert die Abrechnung nicht die Qualität eines Schuldanerkenntnisses (so auch OLG Koblenz, 02.07.1998 LS 3; a.A. OLG Rostock, 04.03.2009 LS 43 (Abrechnung des AA nach den "Grundsätzen" grundsätzlich kein Schuldanerkenntnis); LG Düsseldorf, 19.08.2005 LS 4 - ARAG 4 -; 19.07.2005 LS 3 - ARAG 3 - (nicht Schuldanerkenntnis, sondern Einigungsvorschlag, wenn U von dem VV Einverständniserklärung mit dem von ihm nach den "Grundsätzen" ermittelten AA erbittet).

43.3 Von der Qualifizierung als Anerkenntis zu trennen ist die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen der U an das mit der Abrechnung erteilte Anerkenntnis gebunden ist, wenn ihm nachträglich Umstände bekannt werden, die eine Minderung des AA rechtfertigen. In diesem Fall wird man dem U ohne weiteres das Recht zugestehen müssen, das Anerkenntis nach den Grundsätzen einer ungerechtfertigen Bereicherung kondizieren zu können (OLG Koblenz, 02.07.1998 LS 3). Allerdings trifft den U in diesem Fall die Darlegungs- und Beweislast (OLG Koblenz, 02.07.1998 LS 3), und zwar sowohl für das Vorliegen von Ausschlussgründen (OLG Koblenz, 02.07.1998 LS 3), für das Vorliegen anspruchsmindernder Umstände und auch dafür, dass ihm diese erst nach Abgabe des Anerkenntnisses bekannt geworden sind.

zu LS 45 vgl. Palandt/Sprau, BGB, 77.A., § 781 Rz. 7;

zu LS 46 vgl. BGH, 20.01.1971 LS 4;

zu LS 47 vgl. Palandt/Grüneberg, BGB, 77.A., § 260 Rz. 6;

zu LS 48 vgl. OLG Stuttgart, 29.10.1986 LS 4 m.w.N. Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 86 Rz. 73; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 86 Rz. 51;

zu LS 49 vgl. Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 86 Rz. 73; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 86 Rz. 51;

zu LS 53 vgl. Baumbach/Hopt, HGB, 39.A., § 84 Rz. 30;

zu LS 55 vgl. Zöller/Greger, ZPO, 27.A., § 283 Rz. 2a; MünchKommZPO/Prütting, 6.A., § 283 Rz. 9; Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann, ZPO, 67.A., § 283 Rz. 11; Gaier, MDR 97, 1093; a.A. Schneider, MDR 98, 139;

zu LS 56 vgl. Zöller/Herget, ZPO, 27.A., § 713 Rz. 2