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BGH, 17.11.1983 - I ZR 139/81 - (Urteil)

BGH, 17.11.1983 - I ZR 139/81 - (Urteil)

Fundstellen

EversOK; MDR 84, 375; BB 84, 168 m. Anm. Honsel, BB 84, 365; DB 84, 556; VersR 84, 184; HVR Nr. 580; WM 84, 212; LM Nr. 69 zu § 89 b HGB; DRspr II (210) 319 d; DRsp II (210) 74 Nr. 37; Rechtsportal; Juris; BeckRS 83, 30376135; Wolters Kluwer; Prinz Law

Gesetz

§ 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB; § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB; § 17 Abs. 1 Satz 2 BetrAVG; § 17 Abs. 3 Satz 3 BetrAVG; § 1 Abs. 1 Satz 1, 2. Var. BetrAVG

Stichworte

- Allianz 2 -; AA des HV; Altersversorgung und AA; Anrechenbarkeit der Altersversorgungsleistungen auf den AA des HV; Anrechnung der Versorgungszusage des U; Altersversorgung und AA; Unabdingbarkeitsgrundsatz; Fälligkeitsdifferenz 24 Jahre

Anmerkung

Vorinstanz KG, 14. ZS, 19.05.1981; LG Berlin; zu dieser Entscheidung vgl.. auch OLG München, 22.03.2001 LS 2 - Allianz 5 -;

zur neueren Rspr. des BGH zum Handelsvertreterrecht vgl. auch Hübsch/Hübsch in WM 16, 3 (Beilage 2/2016);

zur neuen obergerichtlichen Rechtsprechung zum Vertriebsrecht vgl. auch Drossart in IHR 16, 7;

zu LS 1 vgl. BGH, 23.02.1994 LS 1; 18.02.1982 LS 9; 04.06.1975 LS 25; 19.11.1970 LS 40, 41, 43, 23.05.1966 LS 6; OLG München, 10.11.2010 LS 9;

1.1 Besteht eine zeitliche Differenz zwischen der Fällligkeit der Versorgungsleistungen und des AA setzt die Anrechenbarkeit der Leistugen des U für die Versorgung des HV in Höhe des versicherungsmathematisch zu ermittelnden Kapitalwertes der Versorgungsanwartschaft im Zeitpunkt der Beendigung des HVV auf den AA nach überwiegender Ansicht Folgendes voraus.

1.1.1 Die Parteien müssen sich auf die Anrechnung geeinigt haben (vgl. dazu OLG Köln, 19.09.1996 LS 8 m.w.N.). Die erforderliche Einigung soll auch dann vorliegen, wenn die ihr zu Grunde liegende Klausel nach § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB i.V.m. § 9 AGBG unwirksam ist (vgl. BGH, 20.11.2002 LS 27 - Allianz 5 -; 20.11.2002 LS 20 - Axa Colonia 2 -; OLG München, 22.03.2001 LS 18; OLG Köln, 17.08.2001 LS 28 - Axa Colonia 2 -; 19.09.1996 LS 10; OLG Celle, 16.05.2002 LS 27; OLG Düsseldorf, 24.02.1995 LS 5; LG München I, 10.08.2000 LS 23 - Allianz 5 -; Küstner, VW 01, 1973, 1974; Thume, BB 02, 1325, 1330; wohl auch Müller-Stein, VW 01, 01,415; offengelassen von LG Saarbrücken, 13.09.2000 LS 6, 8, 9 - General Accident 3 -; a.A. Anm. 23.1 zu LG München I, 10.08.2000; Emde, VersVerm 01, 440, 440f.; vgl. auch BGH, 17.11.1983 LS 12); weitergehend - keine Einigung erforderlich -  LG Köln, 05.12.2002 LS 9 - DEVK 4 -; vgl. auch OLG München, 22.03.2001 LS 16 - Allianz 5 -;.

1.1.2 Es muss eine Versorgungsanwartschaft zugunsten des HV bestehen.

1.1.3 Die Versorgungsanwartschaft muss ausschließlich aus den Mitteln des U erbracht worden sein (vgl. dazu im Einzelnen OLG Düsseldorf, 24.02.1995 LS 6, 7, 8);

1.1.4 Anspruchserhaltende Gesichtspunkte dürfen der Anrechnung nicht entgegenstehen (LG Berlin, 26.01.1973 LS 2).

1.2 Nur vereinzelt wird die Auffassung vertreten, dass eine Anrechnung des Barwertes der Versorgung des Vertreters in Fällen einer Fälligkeitsdifferenz ohne weiteres möglich ist (so wohl LG München, 11.07.1984 LS 4, vgl. aber auch Küstner/v. Manteuffel/Evers, HdB-ADR, Bd. II, 6.A., Rz. 1040 a. E.; vgl. jedoch Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. X Rz. 42 ff.). Die gegenteilige Auffassung lehnt eine Anrechnung bei einer Fälligkeitsdifferenz kategorisch als ungerechtfertigt ab (vgl. OLG Düsseldorf, 12.02.1993 LS 20). Teilweise nimmt die Rechtsprechung auch an, der HV könne sich im Falle einer Fälligkeitsdifferenz nicht einfach auf die Rechtsprechung des BGH beziehen, sondern müsse konkret vortragen, aus welchen Gründen die vom BGH entwickelten Grundsätze zur Anwendung kommen (LG Stuttgart, 28.01.2000 LS 23). Diese Auffassung verkennt freilich die Darlegungs- und Beweislast (vgl. dazu die Anm. 23.1 zu LG Stuttgart, 28.01.2000).

1.3 Ferner bestehen insoweit Meinungsverschiedenheiten als teilweise angenommen wird, dass eine Anrechnung des Barwertes der Versorgungsanwartschaft auf den AA des HV unter dem Gesichtspunkt der Billigkeit in Ansehung einer Fälligkeitsdifferenz zwischen Versorgungsleistung und AA dann nicht in Betracht kommt, wenn der HV den Barwert nicht kapitalisieren oder wenigstens beleihen kann (OLG Köln, 19.09.1996 LS 7; vgl. auch OLG Düsseldorf, 22.12.1995 LS 8, 9 m.w.N.; LG Köln, 04.07.1997 LS 14).

1.4 Die streitige Frage (vgl. dazu den Überblick über den Meinungsstand in der Anm. 41 zu LG Hannover, 28.05.2001), ob der AA in Höhe des Kapitalwerts der Altersversorgung gemindert wird oder in Höhe der Leistungen des U für die Altersversorgung des Vertreters ist im letzteren Sinne zu beantworden, weil der HV nur in Höhe der Leistungen des U vom Aufbau einer eigenen Altersversorgung entlastet wird (vgl. dazu im Einzelnen Evers/Kiene, ZfV 01, 618, 621ff.).
 
zu der gleichgelagerten Problematik im schweizerischen Agentenrecht vgl.BGer, 09.10.1984;

zu LS 3 vgl. BGH, 14.04.1983 LS 20 - Renault 1 -; OLG München, 16.11.2006 LS 10 m.w.N.;

zu LS 4 vgl. BGH, 04.06.1975 LS 25; BSG, 10.03.1994 LS 15OLG München, 09.07.1964 LS 29 - Allianz 1 -; OLG München 30.06.2005 LS 1 m.w.N.,  LS 12 - Allianz 8 -; LG München, 01.06.2004 LS 4; LG Düsseldorf, 15.08.1990 LS 8; OLG Köln, 30.01.2009 LS 6 - DEVK 6 -; LG München I, 08.12.2008 LS 6 m.w.N. - Allianz 14 -; Anm. 1.2 zu LG Stuttgart, 16.05.2000; v. Westphalen, BB 01, 1593, 1595, 1596, 1596f.; a.A. LG Stuttgart, 16.05.2000 LS 1, Küstner, FS für Trinkner 1995, S. 193, 208, nach denen die Anspruchsminderung durch Abzug vom Höchstbetrag des AA i. S. des § 89 b Abs. 2 HGB vorgenommen werden soll. Auch nach Auffassung des GDV sollte eine Altersversorgung die Entstehung des AA generell verhindern (vgl. 18. GBGDV 65/66, S. 93); vgl. aber auch LG München I, 21.03.2002 LS 29 m.w.N. - Allianz 6 -;

4.1 Der eigentliche Grund für die anspruchsmindernde Berücksichtigung der Leistungen des U für die Altersversorgung des HV bei der Bemessung des AA des HV stellt der Umstand dar, dass es sich bei der Versorgungszusage um eine besonders günstige Vertragsbedingung handelt (vgl. dazu Anm. 2.2 zu BGH, 23.02.1994). In der Rechtsprechung ist anerkannt, dass besonders günstige Vertragsbedingungen bei der Prüfung der Billigkeit gemäß § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB anspruchsmindernde Wirkung entfalten können (BGH, 15.02.1965 LS 11 m.w.N.).

4.2 Muss der U neben der Versorgungszusage auch noch den AA in voller Höhe erfüllen, ist das Verhältnis von Leistung und Gegenleistung im Rahmen des Agenturvertragsverhältnisses dann nicht zu Lasten des U unangemessen gestört, wenn der U dem HV die Versorgungsleistung für den Fall versprochen hat, dass der HV hierfür eine (Gegen)Leistung zu erbringen hat. Wird dem HV die Altersversorgung nicht von vornherein unverfallbar zugesagt, sondern erst nach näherer Maßgabe der Bestimmungen des § 1 BetrAVG, so stellt die zugesagte Versorgung im Umfang der nach Maßgabe der Vorschrift des § 2 BetrAVG unverfallbaren Anspruch das Entgelt für die vom HV zum Erwerb der unverfallbaren Anwartschaft aufzubringende Betriebstreue dar (BVerfG, 19.10.1983 LS 5 m.w.N.). Wenn und soweit der HV die Leistung insoweit verdient hat, kommt eine Anrechnung folglich nicht in Betracht (OLG Düsseldorf, 24.02.1995 LS 8 ff.).  

4.3 Allgemein wird in der Rspr. davon ausgegangen, dass der Kapitalwert oder Barwert der Altersversorgung im Zeitpunkt der Vertragsbeendigung den Anknüpfungspunkt für die Anspruchsminderung im Rahmen der Billigkeit nach Maßgabe des § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB bildet (LG Hannover, 28.05.2001 LS 41 m.w.N.).

zu LS 5 - es ist irrelevant, wie der U die Leistung genau finanziert - vgl. LG München I, 08.12.2008 LS 16 - Allianz 14 -;

zu LS 6 vgl. BGH, 23.02.1994 LS 1; 20.11.2002 LS 15 - Allianz 5 -; LG München I, 08.12.2008 LS 7 - Allianz 14 -;

zu LS 7 vgl. OLG Köln, 19.09.1996 LS 6; LG München I, 11.07.1984 LS 4;

zu LS 8 vgl. BGH, 18.03.1982 LS 3 m.w.N.; 21.05.2003 LS 4; Lutz, DB 89, 2345;

zu LS 11 vgl. OLG München, 05.08.2009 LS 14 m.w.N. - Allianz 14-; a.A. vgl. LG München I, 08.12.2008 LS 11 - Allianz 14 -;

 zur Widerruflichkeit einer Versorgungszusage nach dem BetrAVG - vgl. Höfer/Abt, Gesetz zur Verbesserung der betrieblichen Altersversorgung Bd. l, 2.A. Arb. Gr. Rzz. 348 ff.;

zu LS 12 vgl. OLG Köln, 20.10.2014 LS 7, 17; - Erfordernis einer Anrechnungsvereinbarung für den Fall einer Anrechnung bei Fälligkeitsdifferenz - vgl. die Anm. 1.1.1 zu dieser Entscheidung; BGH, 20.11.2002 LS 18 - Axa Colonia 2 -; Anm. 23.1 zu LG München I, 10.08.2000 - Allianz 5 -; Anm. 23.2 zu LG Stuttgart, 28.01.2000;

zu LS 13 vgl. BGH, 20.11.2002 LS 10 m.w.N. - Allianz 5 -; OLG Köln, 20.10.2014 LS 7, 17; OLG Naumburg, 15.04.2003 LS 3, 5; OLG München, 21.03.2019 LS 12; Anm. 23.2 zu LG München I, 10.08.2000 - Allianz 5 -;

zu LS 14 vgl. OLG München, 22.03.2001 LS 3, 4, 5 - Allianz 5 -; a.A. Küstner, FS für Trinkner 1995, S. 193, 210, ders./v. Manteuffel/Evers, HdB-ADR, Bd. II, 6.A., Rz. 1071 i. V. m. Rz. 895; vgl. dazu Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. X Rz. 83, Kap. VIII Rzz. 20, 21; Küstner, BB 94, 1590, 1591 f.;

zu LS 17 vgl. OLG Hamburg, 26.01.2011 LS 22 - HMI 3 -; OLG München, 21.12.2005 LS 35 - Allianz 9 -; LG Bonn, 22.09.2015 LS 8; vgl. aber BGH, 23.05.1966 LS 30; vgl. ferner die Anm. 38.1 f. zu OLG Celle, 16.05.2002 - BHW 3 -;

17.1 Nach zutreffender Auffassung verfolgen die U mit den Versorgungsvereinbarungen vorrangig den Zweck, für künftige Leistungsverpflichtungen durch Rückstellungen in der Ertragssteuerbilanz gemäß § 6 a EStG bilanzielle Vorsorge zu treffen (Küstner, FS für Trinkner 1995, S. 193, 205 f.). Dies ist erforderlich, weil die Rechtsprechung die Bildung von steuerlichen Rückstellungen im Hinblick auf künftige Ausgleichsverpflichtungen des U ablehnt (vgl. BFH, 04.02.1958 LS 1). Im Prinzip geht es also darum, den AA des HV mittels der Versorgungsvereinbarung steuerwirksam vorzufinanzieren (Lutz, DB 89, 2345, 2346). Daneben bindet der U den HV durch die Versorgungszusage an seinen Bertrieb.

17.2 Die steuerlichen Effekte der Bildung von Rückstellungen zur Vorfinanzierung des AA des HV können die Belastung aus den Ausgleichszahlungen bei optimaler Gestaltung um bis zu 80 % mindern (Lutz, DB 89, 2345, 2347). Im Einzelnen ist der Umfang der Minderung abhängig vom Eintrittsalter des HV, den Steuerparametern, der ausreichenden Gewinnsituation des Unternehmens, der Inflationsentwicklung und schließlich des Fremdkapitalzinses (vgl. dazu Lutz, DB 89, 2345, 2347).

zur Berücksichtigung der steuerlichen Folgen beim HV vgl. OLG Saarbrücken, 18.05.1988 LS 14    

- es ist irrelevant, wie der U die Leistung finanziert - vgl. LG München I, 08.12.2008 LS 16 - Allianz 14 -