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LG Stuttgart, 09.02.1998 - 5 KfH O 139/97 - (Urteil)

LG Stuttgart, 09.02.1998 - 5 KfH O 139/97 - (Urteil)
Fundstellen
EversOK*
Gesetz
§ 86 Abs. 1 HGB; § 89 b HGB; § 89 b Abs. 3 Nr. 3 HGB; § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HGB; § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB; § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB; § 89 b Abs. 4 HGB; § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB; § 9 AGBG; § 138 BGB
Stichworte
AA des HV; Abwälzungsvereinbarung; unangemessen hoher Übernahmepreis; Inhaltskontrolle; Aufrechnungsvereinbarung; Unabdingbarkeitsgrundsatz
Anmerkung
zu LS 1 vgl. BGH, 29.06.1967 LS 4; Geßler, Der Ausgleichsanspruch der Handels- und Versicherungsvertreter, 1953, S. 44; Küstner/v. Manteuffel, Gedanken zu dem neuen Ausgleichs-Ausschlusstatbestand gemäß § 89 b Abs. 3 Nr. 3 HGB, BB 90, 1713, 1714; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 195; MünchKommHGB/Ströbl, 5.A., § 89 b Rz. 226; Küstner/v. Manteuffel/Evers, HdB-ADR, Bd. II, 6.A., Rzz. 154 f., 178 f. 70 f.; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. III Rzz. 7 ff., 15 ff., Kap. II Rz. 44 f.; Küstner, v. Manteuffel & Evers, Hrsg., Der Ausgleichsanspruch des Handelsvertreters 1998, Ziff. III. 2., S. 118. Auch die Entscheidungen des BGH vom 18.09.1986, 10.05.1984 und vom 29.06.1959 gehen ohne weiteres von der rechtlichen Zulässigkeit von Abwälzungsvereinbarungen aus.

1.1 Mit der Möglichkeit des U, die ihm entstandene Ausgleichslast auf einen Nachfolgevertreter im Wege des Provisionseinbehalts abzuwälzen, ist dem in der Literatur gegen die Vorschrift des § 89 b HGB vorgetragenen Haupteinwand entgegnet worden, der AA führe zu einer doppelten oder wenigstens zusätzlichen Belastung des U im Hinblick auf den Abschluss einzelner Geschäfte (vgl. dazu Geßler, Der Ausgleichsanspruch der Handels- und Versicherungsvertreter 1953, S. 43 f.).

1.2 Zwar haben die Vertreter der U bei den parlamentarischen Verhandlungen zur Schaffung des § 89 b HGB darauf gedrungen, dass die Möglichkeit der Abwälzung des AA gesetzlich geregelt wird. Dieses Begehren ist jedoch zu Recht deshalb abgelehnt worden, dass es einer gesetzlichen Ermächtigung nicht bedarf, sondern es der Parteidisposition unterliegt, im Einzelfall eine entsprechende Regelung zu treffen (vgl. Geßler, Der Ausgleichsanspruch der Handels- und Versicherungsvertreter 1953, S. 44).

1.3 Die Kammer hat es offen gelassen, an welchem Maßstab konkret die Wirksamkeit der Vereinbarung geprüft wird. Sie hat nicht nur den Grundsatz der Unabdingbarkeit gemäß § 89 b Abs. 4 HGB ins Feld geführt, sondern auch den Tatbestand der Vorschrift des § 138 BGB und das Verbot einer unangemessenen Benachteiligung in § 9 AGBG.

1.4 Einer Inhaltskontrolle einer Abwälzungsvereinbarung am Maßstab des § 9 AGBG steht im Regelfall die Vorschrift des § 8 AGBG entgegen. Dabei kommt es nicht auf die Frage an, ob der U dem HV eine Gegenleistung erbringt oder nicht (BGH, 09.12.1992 LS 6). Raum für eine Inhaltskontrolle ist bei diesen Gegebenheiten nur in den Fällen des § 7 AGBG (vgl. dazu OLG Hamm, 02.09.1999 LS 13). Danach findet das AGBG auch Anwendung, wenn seine Vorschriften durch anderweitige Gestaltungen umgangen werden. Eine solche Umgehung ist anzunehmen, wenn die Abwälzungsvereinbarung in ihrer äußeren Gestalt lediglich auf eine entgeltliche Übertragung der Vertretungsrechte gerichtet ist, sie aber innerlich ausschließlich dazu dient, zwingende Schutzvorschriften des Handelsvertreterrechts zu umgehen.

1.5 Eine Umgehung von Schutzvorschriften ist z. B. dann gegeben, wenn der U dem HV unter Verletzung der zwingenden Vorschrift des § 86 a Abs. 3 HGB entgeltlich die nach dem HVV für die Tätigkeit des HV erforderlichen Unterlagen und Muster i. S. des § 86 a Abs. 1 HGB sowie Informationen gemäß § 86 a Abs. 2 HGB überlässt (vgl. KG, 13.08.1997 LS 7). Bezogen auf die Vorschrift des § 89 b HGB ist eine Umgehung anzunehmen, wenn ein unangemessen hoher Übernahmepreis vereinbart wird, dessen Festschreibung auf eine Umgehung des zwingenden AA hinausläuft (vgl. BGH, 24.02.1983 LS 9 m.w.N.).

1.6 Bei einem bis zur Höhe der Jahresprovision des Vertretungsvorgängers bemessenen Betrag wird man ohne weiteres nicht davon ausgehen können, dass dieser unangemessen hoch ist (vgl. LG Augsburg, 17.08.1998 LS 5 m.w.N.). Im Einzelfall, soweit dem HV nicht nur die Vertretungsrechte übertragen werden, sondern auch noch Ausgleichsanwartschaften im Hinblick auf den übernommenen Altkundenbestand, kann die Jahresprovision durchaus auch noch überschritten werden. Jedenfalls kann eine Abwälzungsvereinbarung, die den HV bis zum Betrag einer durchschnittlichen Jahresprovision seines Vertretungsvorgängers belastet, nicht über § 7 AGBG am Maßstab der Vorschrift des § 9 AGBG gemessen werden.

1.7 Eine Prüfung einer Abwälzungsvereinbarung am Maßstab des § 138 BGB wird kaum in Betracht kommen können. § 138 BGB greift nur dann ein, wenn der Vereinbarung keine Gegenleistung gegenübersteht, die Vertretungsrechte also weder im Hinblick auf vorhandene Kundenverbindungen in dem Absatzgebiet als wirtschaftlich werthaltig erscheinen noch im Hinblick auf eine in dem vertriebenen Produkt liegende erprobte Absatzchance (vgl. dazu OLG Karlsruhe, 18.09.1987 LS 2; OLG Frankfurt/Main, 26.11.1986 LS; 10.11.1986 LS 5; OLG Karlsruhe, 16.03.1989 LS 3; LG Karlsruhe, 26.11.1988 LS 1; 16.09.1988 LS 1 m.w.N.). Da unter solchen Umständen kein Ausgleich an den Gebietsvorgänger geschuldet sein kann, werden Abwälzungsvereinbarungen kaum je am Maßstab des § 138 BGB zu messen sein.

zu LS 3 vgl. Küstner/v. Manteuffel/Evers, HdB-ADR, Bd. II, 6.A., Rz. 157 f.; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. III Rzz. 8 ff.; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 195; MünchKommHGB/Ströbl, 5.A., § 89 b Rz. 226; ; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 89 b Rz. 13;

zu LS 8 vgl. LG Augsburg, 17.08.1998 LS 5 m.w.N.; vgl. aber Küstner/v. Manteuffel/Evers, HdB-ADR, Bd. II, 6.A., Rz. 181, der eine Umgehung des AA schon dann annimmt, wenn der HV infolge der Abwälzungsvereinbarung mit einer durchschnittlichen Jahresprovision belastet wird; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. III Rz. 22; a.A. OLG Saarbrücken, 30.08.2013 LS 8;

zu LS 10 vgl. OLG Düsseldorf, 24.01.2003 LS 11; LG Hannover, 21.02.2001 LS 10; Küstner/v. Manteuffel, BB 90, 1713, 1714; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. XIV Rz. 35;

zu LS 11 vgl. OLG Köln, 06.04.2005 LS 3 m.w.N. - DVAG 9 -; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 86 Rz. 26;

zu LS 13 vgl. BGH, 21.03.1966 LS 7; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 89 a Rz. 19