BGH, Urteil, 28.04.1999 - VIII ZR 354/97 - EversOK



Fundstellen
EversOK; BGHZ 141, 248; BB 99, 1399; DB 99, 1599; WM 99, 1471; VersR 99, 1238; MDR 99, 1076; ZIP 99, 1094; EWiR 1/99 § 89 b HGB (Emde); HVR Nr. 859; LM Nr. 16 zu § 89 b HGB; NJW 99, 2668; Rechtsportal; ibr; Juris; BeckRS 99, 30057058; Lexetius; Judicialis; prinz.law; Wolters Kluwer
Gesetz
§ 89 b HGB; § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB; § 89 b Abs. 1 Satz 2 HGB; § 89 b Abs. 3 Satz 1 HGB 1953; § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB; § 287 ZPO
Stichworte
- Dumrath & Fassnacht 2 -; AA des HV; Anzeigenvertreter; Adressbuchverlagsvertreter; Anzeigengeschäft; Rotationssystem; Rotationsvertreter; Eigenkündigung; Kettenvertrag; Ablehnung des neuen Vertragsangebots; Basisjahr; untypischer Verlauf; Fortsetzungsfiktion; spezifizierte Kundenliste; Intensivierung von Altkunden; Prognosezeitraum 6 Jahre
Anmerkung
Vorinstanzen OLG Hamburg, 19.11.1997; LG Hamburg, 02.05.1996; zu der Entscheidung vgl. die Besprechung von Schaefer, NJW 00, 320;

diese Entscheidung steht der restriktiven Auslegung des § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB und der Wertung einzelner Billigkeitsaspekte im Rahmen des § 89 b Abs. 1 Nr. 3 HGB nicht entgegen - vgl. OLG Köln, 05.05.2006 LS 42, 43 m.w.N.;

vgl. zu dieser Entscheidung auch LG Karlsruhe, 28.02.2003 LS 7; LG Hannover, 03.11.1999 LS 3 - Schlütersche 4 -;

zu LS 2 vgl. BGH 17.07.2002 LS 15 m.w.N.; 28.02.2007 - VIII ZR 30/06 - LS 15

- Kettenvertrag - vgl. BGH, 11.12.1958 LS 1 m.w.N.; OLG Hamburg, 15.02.1995 LS 1 - Dumrath & Fassnacht 1 -; OLG Köln, 05.05.2006 LS 8 m.w.N.;

- Ablehnung des Abschlusses eines Folgevertrages bei Kettenvertrag als Eigenkündigung - vgl. OLG Hamburg, 15.02.1995 LS 2 m.w.N. - Dumrath & Fassnacht 1 -;

zu LS 4 Teilweise wird aus dieser Entscheidung der Grundsatz abgeleitet, dass vom HVV oder von der Vertragsfreiheit gedeckte Verhaltensweisen des U dem HV dann einen begründeten Anlass zur Kündigung mit gemäß § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB ausgleichserhaltender Wirkung geben, wenn das Verhalten des U die Gewinnchancen des HV nicht unerheblich beeinträchtigt (Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 68).

zu LS 7 - Basisjahr - vgl. OLG Hamburg, 08.07.1982 LS 1 m.w.N. - Shell 6 -; OLG Celle, 23.08.2001 LS 20 - Adressbuchverlagsvertreter -; KG, 15.05.2006 LS 21 m.w.N.;

zu LS 8 vgl. BGH, 01.10.2008 LS 4 - Autodesk -;

- untypischer Verlauf - vgl. BGH, 02.07.1987 LS 23 m.w.N.;

zu LS 9 vgl. BGH, 12.02.2003 LS 8 m.w.N.; 12.01.2000 LS 10; 10.07.2002 LS 2 m.w.N., LS 3 m.w.N. - Esso 5 -; OLG Düsseldorf, 04.08.2000 LS 14; KG, 15.05.2006 LS 21 m.w.N.;

- Begriff der Geschäftsverbindung - vgl. BGH, 25.10.1984 LS 2 m.w.N.;

zu LS 10 vgl. Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 89 b Rz. 142; zur Fortsetzungsfiktion vgl. BGH, 01.10.2008 LS 12 m.w.N. - Autodesk -; 12.03.2003 LS 57 m.w.N.; OLG Frankfurt/Main, 08.12.1970 LS 2 m.w.N.; 23.05.2006 LS 6 m.w.N.;

zu LS 11 vgl. Anm. 10 dieser Entscheidung; LG Hannover, 24.02.2000 LS 17;

zu LS 14 vgl. aber die kritischen Anmerkungen von Thume, BB 99, 2309, 2313, nach dessen Auffassung das Rotationssystem gegen § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB verstößt. Mit seiner Kritik beschränkt Thume indessen die Dispositionsfreiheit des U - die auch die Entscheidung für die Einrichtung einer bestimmten Art der Ausgestaltung des Vertriebssystems umfasst - in einer nicht gerechtfertigten Weise.

14.1 Nur dann, wenn das Rotationssystem seinem Sinn und Zweck nach einzig und allein auf eine Beschränkung des AA zielen würde, wäre es unter dem Aspekt des § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB zu prüfen. Der U verspricht sich durch das Rotationssystem und den mit ihm verbundenen ständigen Vertreterwechsel jedoch regelmäßig nicht eine Beschränkung des AA, sondern einen erhöhten Absatzerfolg. Die Pflege des Kundenstamms erfordert keinen großen Einsatz, weil die Produkte nicht erläuterungsbedürftig sind und die hohe Kundentreue nicht von einer Kontinuität in der Person des betreuenden HV abhängt. Andererseits fördert es das Streben des HV nach einer möglichst hohen alljährlichen Neukundenwerbung, dass er nicht in seinem festen Bezirk tätig ist und daher auch kein Vertrauen in den Bestand von ihm bekannten Geschäftsverbindungen setzen kann.

14.2 Es ist nicht Sinn und Zweck des Unabdingbarkeitsgrundsatzes des § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB, dem U die Möglichkeit zu nehmen, sein Vertriebssystem den Anforderungen des Geschäftsbereichs auszugestalten. Der Unabdingbarkeitsgrundsatz soll die Dispositionsfreiheit des U nicht in rechtlicher Hinsicht beschränken. Im Übrigen muss ein Rotationssystem nicht notwendig zu Lasten des AA des HV gehen. Aufgabe von Forschung und Lehre ist es vielmehr, eine Ausgleichsberechnung zu erarbeiten, die den Grundsätzen des § 89 b HGB Rechnung trägt. Solche Ansätze sind nicht allein von der Rechtsprechung zu erwarten. Sie kann nur die Rahmenbedingungen aufzeigen, innerhalb derer taugliche Berechnungsmodelle entwickelt werden müssen. Nicht anders ist auch diese Entscheidung zu verstehen.

zu LS 16 vgl. OLG Celle, 25.11.1992 Anm. 3.4; Anm. 22.3 zu OLG Düsseldorf, 16.03.2001 - gardeur -; Staub/Brüggemann, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 58 f.; amtl. Begründung, BT-Drs. I/3856 S. 35; Küstner, BB Beilage Nr. 12/85, S. 12;

zu LS 17 vgl. LG Hannover, 24.02.2000 LS 15;

17.1 Das Abstellen auf das letzte Vertragsjahr ist keineswegs die einzig statthafte Berechungsmethode. Ihr wäre zumindest der Ansatz gleichzustellen, den HV für die Prognose fiktiv in seinen Kundenkreisen rotieren zu lassen.

17.2 Um die im Hinblick auf eine zu vermeidende Überschreitung des Provisionssatus' quo ante nötige Begrenzung zu erreichen, müsste die Summe der zu berücksichtigen Provisionseinnahmen auf die im letzten Vertragsjahr verdiente Provision maximiert werden. Übersteigt der Gesamtumsatzwert der vom HV geworbenen Neukunden nach Ansatz einer Abwanderungsquote den Provisionsumsatz des letzten Vertragsjahres, kann auch daran zu denken sein, dass eine Abwanderung für die Prognose in dem Umfang nicht in Ansatz gebracht wird, in dem man dem HV für die Prognose gestattet, zur Kompensation der Abwanderungen auf Neukundenumsätze zurückzugreifen, die die Letztjahresprovision des HV überschreiten.

17.3 Im Ergebnis zutreffend weist Emde (EWiR § 89 b HGB 1/99, S. 654) darauf hin, dass auf das letzte Vertragsjahr nur insoweit abgestellt werden darf, als es nicht atypisch verlaufen ist (vgl. dazu die Anm. 23 zu BGH, 02.07.1987 LS 23).

zu LS 20 - Anforderungen an die schlüssige Darlegung des AA des Anzeigenvertreters - vgl. LG Hannover, 02.12.1998 LS 1;

zu den Anforderungen an eine spezifizierte Kundenliste allgemein vgl. OLG Düsseldorf, 08.05.1992 LS 1 m.w.N.;

zur Annahme einer wesentlichen Erweiterung der Geschäftsverbindung bei einer Umsatzsteigerung um 100 % vgl. OLG Nürnberg, 16.05.1991 LS 5 m.w.N.;

zu LS 21 vgl. OLG Frankfurt/Main, 27.05.1966 LS 4 m.w.N.; LG Karlsruhe, 28.02.2003 LS 6; Staub/Brüggemann, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 34;

zu LS 22 zur Frage, unter welchen Voraussetzungen ein vom Anzeigenvertreter für ein neues Verlagsobjekt geworbener Kunde als neuer Kunde anzusehen ist, vgl. OLG Frankfurt/Main, 27.05.1966 LS 4 m.w.N.;

zu LS 23 vgl. BGH, 12.01.2000 LS 15;

zu LS 24 vgl. OLG Nürnberg, 16.05.1991 LS 5 m.w.N.;

zu LS 25 vgl. OLG Hamm, 19.11.1992 LS 4 m.w.N.;

zu LS 28 vgl. OLG Celle, 16.05.2002 LS 17 - BHW 3 -;

zu LS 29 vgl. OLG Celle, 01.02.2001 LS 19; - 6 Jahre Prognosezeitraum im Anzeigengeschäft - vgl. a.A. OLG Celle, 29.01.1999 LS 13 m.w.N. (3 Jahre); vgl. auch OLG Celle, 18.04.2002 LS 12 m.w.N. - Concordia -;

zu LS 32 Der BGH billigte im Streitfall ausdrücklich die von der Vorinstanz, OLG Hamburg, 19.11.1997 LS 16 vorgenommene Abzinsung nach dem WP-Handbuch, 9.A., Bd. I, S. 1830 ff. und 1840 ff.