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ArbG Münster, 23.04.1998 - 2 Ca 116/98 - (Urteil)

ArbG Münster, 23.04.1998 - 2 Ca 116/98 - (Urteil)

Fundstellen

EversOK*

Gesetz

§ 84 Abs. 1 HGB; § 84 Abs. 2 HGB; § 86 Abs. 2 HGB; § 92 HGB

Stichworte

- DEVK 2 -; Abgrenzung VV / AN; Scheinselbständigkeit; Mitarbeiter im Versicherungsaußendienst; Weisungen; Berichtspflicht des VV; Wochenbericht; Verpflichtung zur Teilnahme an Schulungen; Gleichbehandlung von VV und AN in Rundschreiben; Eingliederung in fremde Arbeitsorganisation; Besuchsauftrag; Kundenbesuchsaufträge; termingebundene Kundenbesuche; Seminare; Schulung; Teilnahmepflicht

Anmerkung

n. rkr., Berufungsurteil LAG Hamm, 11.05.2000;

zu LS 8 Tiret 1 vgl. aber ArbG Nürnberg, 09.09.1996 LS 40 m.w.N.;

zu LS 8 Tiret 4 vgl. ArbG Frankfurt/Main, 25.03.1998 LS 12; wohl auch Hanau/Strick, DB-Beilage Nr. 14/98, S. 14 m. Fn. 216 und S. 9 m. Fn. 120, die eine Terminbindung nur hinsichtlich des Inkassos als mit der Selbständigkeit vereinbar ansehen.

Nach zutreffender Auffassung sind angemessene Fristen und Termine kein Indiz für eine persönliche Abhängigkeit (vgl. BGH, 04.06.1975 LS 5; OLG Celle, 13.07.1973 LS 7). Der Sinn der Einräumung einer Frist kann nur darin bestehen, die Selbständigkeit des Vertragspartners dadurch zu wahren, dass es ihm überlassen wird, sich die Arbeitszeit einzuteilen (vgl. LAG München, 11.02.1995 LS 11).

Zur Angemessenheit von Bearbeitungsfristen vgl. LAG Nürnberg, 26.01.1999 LS 78 (2 Wochen bei Stornogefahrmitteilung angemessen), LS 82 (2 Monate bei Bestandslisten angemessen); OLG Hamm, 27.03.1998 LS 4 (14 Tage bei der Bearbeitung von Kundenakten angemessen); LAG München, 11.02.1995 LS 11 (10 bis 20 Tage zum Aufsuchen der von unechten Untervertretern akquirierten VN angemessen);

zu LS 9 vgl. aber LSG Nordrhein-Westfalen, 20.04.1979 LS 11, wonach die Zuweisung der Beratungsstelle durch den Beschäftigungsgeber erforderlich ist; vgl. auch OLG München, 09.02.1993 LS 2 m.w.N, wonach nur dann, wenn persönlich einzuhaltende Öffnungszeiten vorgegeben werden, von einem Indiz für eine persönliche Abhängigkeit ausgegangen werden kann;

zu LS 10 vgl. aber LAG Düsseldorf, 22.05.1991 LS 11 f. m.w.N.;

zu LS 11 - Wochenberichtspflicht als Indiz für persönliche Abhängigkeit - vgl. LAG Baden-Württemberg, 30.01.1996 LS 16 - Adressbuchverlagsvertreter -; LAG Hamm, 13.10.1989 LS 1 - Pharma-Berater, der zweimal wöchentlich berichten muss -; ArbG Hamburg, 05.11.1990 LS 6 - VV - FG Nürnberg, 17.03.1982 LS 7 Tiret 1 - VV, der Tagesberichte wöchentlich abgeben muss -; Westphal, Vertriebsrecht Bd. I, Handelsvertreter 1998 Rz. 281 (Wochenberichtspflicht greift in den Kernbereich der Selbständigkeit ein); Staub/Brüggemann, HGB, 4.A., § 86 Rz. 18 (feste Berichtstermine und Berichte, die Aufschluss über jeden Kundenbesuch gegeben, greifen in den Kernbereich der Selbständigkeit ein); a.A. BAG, 09.06.2010 LS 16 - DEVK 7 -; 15.12.1999 LS 51 - Hamburg-Mannheimer 4 -; 15.12.1999 LS 12 - GVO Oldenburg -; BGH, 25.03.1963 LS 5; LAG Hamm, 11.05.2000 LS 63 - DEVK 2 -; LAG Düsseldorf, 22.05.1991 LS 7 - VV -; LAG Nürnberg, 26.01.1999 LS 110 - Hamburg-Mannheimer 4 -; ArbG Berlin, 27.05.1998 LS 9; ArbG Hannover, 18.01.1995 LS 8 - VV -; LSG Nordrhein-Westfalen, 20.04.1979 LS 36; SG Hildesheim, 04.12.2000 LS 29 - Hotelwäschesortiment -; HK-HGB/Ruß, HGB, 4.A. § 86 Rz. 5; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 86 Rz. 42; vgl. auch LG Stuttgart, 21.02.2001 LS 1 - langani -;

Nach richtiger Auffassung des BGH (16.02.1989 LS 3) sind Tagesberichte mit der Selbständigkeit des HV unvereinbar.

zur Pflicht des HV nach § 86 Abs. 2 HGB Wochenberichte zu erstellen vgl. im Übrigen auch BGH, 24.09.1987 LS 3 m.w.N.; 25.03.1963 LS 5; 13.01.1966 LS 6, 8; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 86 Rz. 52; MünchKommHGB/Ströbl, 5.A., § 86 Rz. 52; Staub/Brüggemann, HGB, 4.A., § 18; GK-HGB/Leinemann, § 86 Rz. 10;

zur Frage, ob das Bestehen von Wochenberichtsformularen auf eine Rechtspflicht zu deren Verwendung schließen lassen, vgl. ArbG Kempten, 14.11.1990 LS 14.

Gehen die vereinbarten oder praktizierten Berichtserstattungspflichten über den gesetzlichen Rahmen dessen hinaus, was nach § 86 Abs. 2 HGB geschuldet ist, sind sie bei der statusrechtlichen Beurteilung zu berücksichtigen (ArbG Ulm, 13.08.1996 LS 7).

zu LS 12 vgl. a.A. LAG Düsseldorf, 22.05.1991 LS 15 m.w.N.;

zu LS 14 vgl. aber Hanau/Strick, DB Beilage Nr. 14/98, S. 9 Fn. 124, die zutreffend hervorheben, dass Berichte eines VV nach einer Adressbearbeitung, die über den Erfolg und die Zahl der Kundenbesuche Auskunft geben, mit der Selbständigkeit vereinbar sind; zur Vereinbarkeit von Bearbeitungsfristen mit der Selbständigkeit vgl. auch LAG Nürnberg, 26.01.1999 LS 78 (2 Wochen bei Stornogefahrmitteilung), LS 82 (2 Monate bei Bestandslisten);

14.1 Es kann keineswegs davon ausgegangen werden, dass jede Fristsetzung für Berichte über fehlgeschlagene Vermittlungsbemühungen mit dem Status eines Handelsvertreters unvereinbar wären. Nach dem Wortlaut der zwingenden gesetzlichen Vorschrift des § 86 Abs. 2 HGB hat der HV dem U zwar nur von jeder Geschäftsvermittlung und von jedem Geschäftsabschluss unverzüglich Mitteilung zu machen, während eine ausdrückliche Regelung für die sonstigen Nachrichten nicht getroffen ist. Gleichwohl ist auch für die sonstigen Nachrichten dann, wenn sie ihrer Art nach eilbedürftig sind, davon auszugehen, dass der HV sie unverzüglich erstatten muss (Schröder, Recht der Handelsvertreter, 5.A., § 86 Rz. 26; vgl. auch Ankele, Handelsvertreterrecht, § 86 Rz. 20). Unverzüglich bedeutet ohne schuldhaftes Zögern (arg. § 121 BGB, Hopt, Handelsvertreterrecht, 6.A., § 86 Rz. 40; Ankele, Handelsvertreterrecht, § 86 Rz. 20).

14.2 Eine Berichterstattung kann nur dann den Anforderungen der vom HV anzuwendenden Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns i.S. des § 86 Abs. 3 HGB genügen, wenn sie den vom HV gemäß § 86 Abs. 1, 2. HS HGB zu wahrenden Interessen des vertretenen U entsprechend den U möglichst schnell in den Besitz der erforderlichen Nachrichten kommen lässt (Schröder, Recht der Handelsvertreter, § 86 Rz. 26). Daraus folgt nach allgemeinen Grundsätzen die Verpflichtung des HV, die erforderlichen Nachrichten unverzüglich zu erstatten, soweit es sich nicht um Nachrichten handelt, die von Standpunkt des U nur nebensächliche Bedeutung haben (Schröder, Recht der Handelsvertreter, 5.A., § 86 Rz. 26). Keinesfalls darf der Handelsvertreter mit der Berichterstattung so lange zögern, dass der U die Berichte nicht mehr auswerten kann (Schröder, Recht der Handelsvertreter, 5.A., § 86 Rz. 26; Westphal, Vertriebsrecht, Bd. I, Handelsvertreterrecht 1998, Rz. 278). Aus diesem Grund ist es nicht von vornherein zu beanstanden, wenn der U den HV unter Fristsetzung zur Berichterstattung über fehlgeschlagene Kundenbesuche auffordert.
 
zu LS 15 15.1 Diese von der Kammer zugrunde gelegte Ansicht über die Berichtspflicht ist in der arbeits- und sozialgerichtlichen Rechtsprechung verbreitet (vgl. z.B. LSG Nordrhein-Westfalen, 09.07.1957 LS; BAG, 21.01.1966 LS 22; LAG Baden-Württemberg, 26.10.1990 LS 16). Sie verkürzt die Berichtspflicht in unzulässiger Weise auf § 86 Abs. 2, 2. HS HGB. Zudem ist sie praxisfern. Für den Versicherungsvertrieb im deregulierten Verdrängungsmarkt zeigen dies instruktiv die Ausführungen von Bechmann (Der richtige Vertriebsweg - regional und national - ein Widerspruch, in: Schmidt/Steinmann/Wolff Metternich, Handbuch Management Versicherungsvertrieb 1995, S. 167, 177f.). Danach hat die "zielorientierte Führung und Steuerung des Außendienstes die Zeiten endgültig abgelöst, in denen der VV nur seine Wochenproduktion in den Briefkasten warf und dann die Provisionsnote abwartete".

15.2 Zu Recht verweisen die Arbeitsgerichte im Zusammenhang mit der Prüfung einer statusrechtlichen Relevanz geschuldeter Informationen auf die Pflicht des VV gemäß § 86 Abs. 2 HGB hin, dem VU die erforderlichen Nachrichten zu geben (so etwa LAG Niedersachsen, 28.04.1998 LS 9; ArbG Lübeck, 26.10.1995 LS 7, ArbG Darmstadt, 23.04.1997 LS 7; ArbG Nürnberg, 04.02.1998 LS 21).

15.3 Nach zutreffender Auffassung ist auch die Verpflichtung des VV, über erfolgreiche und nicht erfolgreiche Kundenbesuche zu berichten, mit der Selbständigkeit vereinbar, weil auch diese Nachricht nach der Vorschrift des § 86 Abs. 2 HGB vom VV geschuldet ist (BAG, 15.12.1999 LS 12 m.w.N.; LAG Saarland, 14.05.1996 LS 13 - Hamburg-Mannheimer 1 -; ArbG Nürnberg, 12.05.1998 LS 39 - Hamburg-Mannheimer 5 -; 09.09.1996 LS 37; ArbG Berlin, 27.05.1998 LS 8 m.w.N.; OLG Köln, 04.03.1970 LS 12).