BGH, 01.12.2010 - VIII ZR 310/09 - EversOK


Gesetz
§ 87 a Abs. 3 HGB analog; § 87 a Abs. 3 Satz 2 HGB; § 87 a Abs. 3 Satz 2 HGB analog; § 92 Abs. 2 HGB; § 242 BGB; § 138 Abs. 3 ZPO
Stichworte
Nachbearbeitungsgrundsätze; Nachbearbeitungspflicht; Nachbearbeitung notleidender Versicherungsverträge; Pflicht zur Überlassung von Stornogefahrmitteilungen an VM; Dispositionsfreiheit des U; Eingliederung des VM in die Organisation des VU
Anmerkung
Vorinstanzen OLG Celle, 05.11.2009 - 11 U 119/09 -; LG Lüneburg, 26.05.2009 - 5 O 356/08 -;

zu LS 1 vgl. BAG, 25.10.1967 LS 25 m.w.N.;

zu LS 3 vgl. BFH, 27.05.1998 LS 3, 8 13, 14; OLG Hamm, 14.05.2018 LS 24 - LVM 7 -; OLG Düsseldorf, 13.01.2017 LS 5, 6 - DVAG 51 -; OLG Köln, 13.11.2014 LS 3; vgl. aber LG Hannover, 16.06.2005 LS 2; LG Dortmund, 18.03.2010 LS 17 - Continentale 5 -; FG Sachsen-Anhalt, 24.04.2008 LS 13; vgl. dazu weiter Anm. 19.2 zu OLG Köln, 12.02.2010 - Axa 9 -;

zu LS 6 In der Sachversicherung ist die Beitragsklage nicht ohne weiteres unzumutbar (OLG Frankfurt/Main, 18.12.1984 LS 6, 7 m.w.N.; OLG Frankfurt/Main, 21.05.1999 LS 19). Ebenso wenig kann für die Krankenversicherung davon ausgegangen werden, dass dem VU eine Beitragsklage gegen den VN nicht zumutbar wäre (a.A. LG Berlin, 21.12.2017 LS 80 - DKV 2 -).

zu LS 7 7.1 vgl. OLG Karlsruhe, 13.09.2017 LS 6 - DVAG 58 -; Baumbach/Hopt, HGB, 38.A., § 87 a Rz. 27; Staub/Emde, HGB, 5.A., § 87 a Rz. 78 und § 92 Rzz. 11 ff.; Röhricht/Graf von Westphalen/Thume, HGB, 3.A., § 92 Rzz. 9-11; Heymann/Sonnenschein/Weitemeyer, HGB, 2.A., § 92 Rz. 16;

7.2 Zwar hat der U grundsätzlich die Wahl, ob er eigene Nachbearbeitungsmaßnahmen ergreift oder dem VV unverzüglich Stornogefahrmitteilungen überlässt, damit dieser die erforderliche Nachbearbeitungsmaßnahmen ergreifen kann. Mit einer Stornogefahrmitteilung an den VV genügt der Prinzipal seiner Nachbearbeitungspflicht jedoch nur, soweit der VV noch in der Lage ist, Maßnahmen zum Erhalt des notleidenden Versicherungsvertrages zu treffen (OLG München, 07.06.2017 LS 9).


zu LS 8 - Anwendung bei Schutzwürdigkeit im Einzelfall - vgl. OLG Celle, 05.11.2009 LS 1; AG Erfurt, 05.11.2018 LS 18 (Tippgeber); Staub/Emde, HGB, 5.A., § 92 Rz. 19; a.A. - keine analoge Anwendung - LG Köln, 26.05.2009 LS 5 - European Broker Systems -; LG Berlin, 05.03.2009 LS 9; Baumbach/Hopt, HGB, 38.A., § 93 Rz. 7; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 87 a Rz. 5; - Anwendung im Einzelfall aus Treu und Glauben - Staub/Thiessen, HGB, 5.A., § 93 Rz. 167; - Annäherung der Stellung des VM an die eines VV - LG Mosbach, 28.07.2005 LS 10;

Im Streitfall war folgendes geregelt.

"Wir sind nicht verpflichtet, jedoch berechtigt, Courtagevorauszahlungen zu leisten. Soweit wir Vorauszahlungen leisten, ist ein sich durch den teilweisen oder vollständigen Abgang eines Versicherungsvertrages ergebender Anspruch auf Rückzahlung der unverdienten Courtage sofort nach deren Belastung zur Rückzahlung fällig. …"

zu LS 11 vgl. AG Köln, 13.07.2015 LS 19;

11.1
Die dem VM erteilte Courtagezusage enthielt hinsichtlich der Entstehung der Courtage, für die eine Abrechnung im Kontokorrentverkehr vereinbart war, unter anderem folgende Regelungen.

"Die Courtage entsteht, soweit folgend nichts anderes bestimmt ist, jeweils anteilig mit Beitragszahlung und ist jeweils nur insoweit verdient und fällig, soweit sie:
a) für Einzelversicherungen aus 50 % der tatsächlich an die Gesellschaft gezahlten, nicht mit Rückkaufswert, Überschussanteilen usw. verrechneten Beiträge gedeckt ist,
b) für Gruppenversicherungen aus 50 % der jeweils für die Versicherung an die Gesellschaft entrichteten Bruttobeiträge gedeckt ist.
1.2.1 Bei Versicherungen nach dem Tarif 605 wird bei Tod der versicherten Person innerhalb der ersten 18 Monate nach Versicherungsbeginn pro Monat 1/18 der Abschluss-Courtage verdient; insgesamt jedoch begrenzt auf 50 % der tatsächlich gezahlten Beiträge.
1.2.2 Bei Einzel- und Gruppenversicherungen nach dem Tarif 629 entsteht die Abschluss-Courtage anteilig mit der jeweiligen Beitragszahlung wie folgt und ist auch nur insoweit fällig und verdient: …"

11.2 In einem der Courtagezusage als Anlage beigefügten Abkommen war die Zahlung eines Organisationszuschusses vereinbart, auf den die gleichen Bestimmungen und Bewertungskriterien wie für die Abschlusscourtage Anwendung finden sollten. Gemäß diesem Abkommen sollte der VM, da der Versicherer über keine Verwaltungsgeschäftsstellen verfüge, die bis zur Policierung eines Versicherungsantrags erforderlichen Arbeiten selbst vornehmen und für diese über die Vermittlung hinausgehenden Dienstleistungen einen Organisationszuschuss in Höhe von 4 Promille auf die jeweilige Bewertungssumme erhalten. Dieser Zuschuss setzte sich aus 2 Promille für die Erstellung eigener Angebote und 2 Promille für die Entwicklung und Durchführung eigener Werbemaßnahmen zusammen.

11.3 [9] In Erweiterung der Rechtsprechung des OLG Hamm (28.11.1996 LS 8; zur Nachbearbeitungspflicht aus Treu und Glauben vgl. auch OLG Frankfurt/Main, 18.04.1997 LS 2 m.w.N.), hatte das OLG Celle in der Berufungsinstanz eine Schutzbedürftigkeit des VM bejaht. Das VU habe trotz Fehlens einer vertraglichen Verpflichtung laufend Vorschüsse für abgeschlossene Versicherungsverträge gewährt und sich damit so verhalten, als existiere eine entsprechende Verpflichtung. Der VM sei in das Organisationssystem des VU eingebunden, das ihm mangels eigener Verwaltungsgeschäftsstellen alle bis zur Policierung erforderlichen Arbeiten vollständig übertragen habe. Weiterhin gewähre das VU für die Pflege, Betreuung und Nachbearbeitung der Versicherungen, die sich im beitragspflichtigen Bestand befänden, ein Bestandspflegegeld. Auch habe das VU dem VM stets Stornogefahrmitteilungen zukommen lassen. Aus der Einbindung des VM in die Organisationsstruktur des VU und der tatsächlichen Handhabung der Übersendung von Stornogefahrmitteilungen ergebe sich die Verpflichtung des VU, entweder selbst die Verträge nachzubearbeiten oder an den VM Stornogefahrmitteilungen zu übersenden.

zu LS 13 - Unerheblichkeit des Zugangs einer Stornogefahrmitteilung bei ordnungsgemäßer Versendung - vgl. OLG Köln, 15.02.2019 LS 17 - OVB 26 -;

zu LS 16 vgl. Staub/Emde, HGB, 5.A., § 92 Rz. 12; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 92 Rz. 29; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 92 Rz. 23; Röhricht/Graf von Westphalen/Thume, HGB, 3.A., § 92 Rz. 10;

zu LS 17 vgl. OLG Frankfurt/Main, 16.08.2016 LS 28 - DVAG 54 -;

zu LS 18 vgl. OLG Brandenburg, 09.07.2009 LS 17, 20; OLG Karlsruhe, 24.05.2005 LS 16; Staub/Emde, HGB, 5.A., § 87 a Rz. 78 und § 92 Rz. 12; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 92 Rz. 23; Baumbach/Hopt, HGB, 38.A., § 87 a Rz. 27; abweichend MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 92 Rzz. 28 ff.; a.A. OLG Frankfurt/Main, 10.07.1980 LS 11;

zu LS 20 vgl. OLG Brandenburg, 09.07.2009 LS 20 m.w.N.; OLG Düssledorf, 15.12.2000 LS 19 - ARAG 2 -; Staub/Emde, HGB, 5.A., § 87 a Rz. 78 und § 92 Rz. 12; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 92 Rz. 23; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 92 Rz. 30;

zu LS 21 vgl. Röhricht/Graf von Westphalen/Thume, HGB, 3. A., § 87 a Rz. 31;

zu LS 22 vgl. aber OLG Düsseldorf, 21.02.2007 LS 10; OLG Hamm, 07.09.2001 LS 20; OLG Köln, 18.05.1977 LS 17; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 92 Rz. 22; Staub/Emde, HGB, 5.A., § 87 a Rz. 78 und § 92 Rz. 18; zur Vereinfachung der Darlegung vgl. OLG Düsseldorf, 20.11.2006 LS 8; 29.11.1996 LS 8; vgl. auch AG St. Blasien, 18.05.1999 LS 5 - Mannheimer -;

zu LS 23 - Inhalt der Stornogefahrmitteilung - vgl. OLG Düsseldorf, 28.11.1997 LS 24 m.w.N.; Evers, VMV 00, 224, 30;

zu LS 24 vgl. LG Karlsruhe, 08.02.2013 LS 43 - WIFO -; AG St. Blasien, 18.05.1999 LS 5 - Mannheimer -; vgl. aber LG Ravensburg, 23.09.1997 LS 7 - AWD 26 -;

24.1 Dass der U den Untergang der einer mit der Post versandten Stornogefahrmitteilung nicht i.S. des § 87 a Abs. 3 Satz 2 HGB zu vertreten hat, erscheint zweifelhaft. Maßgeblich hierfür ist der Umstand, dass der U Stornogefahrmitteilungen als erforderliche Nachrichten gemäß § 86 a Abs. 2 Satz 1 HGB schuldet, der U also kraft der zwingenden Vorschrift des § 86 a Abs. 2 Satz 2, 2. HS, 92 Abs. 2 HGB verpflichtet ist, den VV von der Stornogefahr zu unterrichten (vgl. OLG Hamm, 12.05.1980 LS 5 m.w.N.; sowie Anm. 5.1 zu OLG Hamm, 12.05.1980). Deshalb schuldet der U nicht nur die Absendung, sondern auch den Zugang der Stornogefahrmitteilung. Bedient sich der U der Post, um die Stornogefahrmitteilung zu versenden, wird diese als sein Erfüllungsgehilfe tätig mit der Folge, dass der U sich nach § 278 Satz 1 BGB das Verschulden der Post zurechnen zu lassen hat (BGH, 21.01.2009 - VIII ZR 107/08 - Juris Tz. 13). Eine einschränkende Auslegung des § 278 Satz 1 BGB erscheint insoweit nicht geboten (BGH, 21.01.2009 - VIII ZR 107/08 - Juris Tz. 14).

24.2
Bei zur Post gegebenen Briefen besteht kein Anscheinsbeweis für den Zugang der Sendung (BGH, 21.01.2009 - VIII ZR 107/08 - Juris Tz. 13; 07.12.1994 - VIII ZR 153/93 - NJW 95, 665, sub II 3 a der Gründe; 24.04.1996 - VIII ZR 150/95 - NJW 96, 2033, sub II 2 der Gründe).

zu LS 25 vgl. aber die Anm. 2.2 zu OLG Köln, 10.12.1973; sowie LG Fulda, 06.02.1996 LS 7