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OLG Frankfurt/Main, 09.02.1960 - 5 U 247/58 - (Urteil)

OLG Frankfurt/Main, 09.02.1960 - 5 U 247/58 - (Urteil)

Fundstellen

VersR 60, 510; VerBAV 60, 193

Gesetz

§ 87 a Abs. 2 HGB; § 87 a Abs. 3 HGB; § 87 a Abs. 5 HGB; § 92 Abs. 4 HGB; § 162 BGB; § 38 Abs. 1 VVG

Stichworte

Nachbearbeitungspflicht; Nachbearbeitungsgrundsätze; Rückforderung unverdienter Provisionsvorschüsse; Ausschluss der Pflicht zur Einklagung der Erstprämie; Klageverzicht; Klageverzichtsklausel; Bedingungsvereitelung; Treuepflicht des VU gegenüber VV; Unterstützungspflicht des VU; Dispositionsfreiheit des VU; Prämienklage

Anmerkung

n.rkr.; vgl. auch LG Regensburg, 06.07.1972; Höft, VersR 73, 1119;

zu LS 1 vgl. OLG Koblenz, 27.03.1980 LS 18;

zu LS 5 - Anwendung der Regel des § 162 BGB bei der Prüfung der Frage des Bestehens eines Provisionsanspruchs des VV bei Not leidenden Versicherungsverträgen - vgl. OLG Düsseldorf, 02.12.1994 LS 3 m.w.N.;

zu LS 6 vgl. aber OLG Hamm, 27.02.2020 LS 8 (Pflicht zum Bestandserhalt); a.A. Bruck/Möller, VVG, 8.A., Anm. 304 vor §§ 43-48, S. 788 a. E.;

zur Verpflichtung zur Nachbearbeitung als Ausfluss der Treuepflicht - vgl. BGH, 19.11.1982 LS 13 m.w.N. - Deutscher Herold 1 -;  

zur Vereinbarkeit der Aufnahme des parallelen Direktvertriebes durch den online-Absatz von Versicherungen mit der Treuepflicht des VU gegenüber dem VV vgl. verneinend, Graf v. Westphalen, Beilage zu ZIP 22/16, S. 91 ff.;

allgemein zur Unterstützungspflicht des U vgl. BGH, 25.04.1960 LS 27 m.w.N. - Verarbeitungskontingent -;

zu LS 8 vgl. OLG Koblenz, 27.03.1980 LS 18;

zu LS 9 - Wirksamkeit einer Klageverzichtsklausel - vgl. Bruck/Möller, VVG, 8.A., Anm. 304 vor §§ 43-48, S. 788; Schröder, Recht der Handelsvertreter, 5.A., §  87 a Rz. 28; Fleischmann VersR 57, 9, 11; Trinkhaus, Handbuch der Versicherungsvermittlung 1955, Bd. I, 189;

zu LS 11 vgl. OLG Jena, 28.04.2009 LS 1, 2; a.A. Heymann/Froitzheim, HGB, 3.A., § 92 Rz. 112;

zu LS 12 - Abdingbarkeit des § 92 Abs. 4 HGB - vgl. OLG Frankfurt/Main, 08.01.2009 LS 3 m.w.N. - Atlanticlux 21 -;

12.1 Der Senat übersieht, dass der Wortlaut der Vorschrift des § 92 Abs. 4 HGB, nach der der Provisionsanspruch des VV unbedingt wird, sobald der VN die Prämie gezahlt hat, aus der sich die Provision nach dem VVV berechnet, durch den in Parenthese gesetzten ausdrücklichen Verweis auf § 87 a Abs. 1 HGB nicht dessen gesamten Regelungsgehalt modifiziert, sondern nur die ersten beiden Sätze der Norm (a.A. wohl BAG, 25.10.1967 LS 14). Dies entspricht auch dem Willen des Gesetzgebers (BT-Drs. I/3856, S. 39). Deshalb ordnen §§ 92 Abs. 2 , Abs. 4, 87 a Abs. 1 Satz 3 HGB den unbedingten Erwerb des Anspruchs auf Provision unabhängig von einer abweichenden Vereinbarung im Agenturvertrag an, soweit der VN die Prämie entrichtet hat, aus der sich die Provision nach dem Agenturvertrag berechnet (eingehend Panzer, Provisions-, Ausgleichs- und Schadensersatzansprüche des Versicherungsvertreters bei Maklereinbruch 2001, S. 35 ff., 41; i.E. ebenso Emde Vertriebsrecht, 3.A., § 92 Rz. 90; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 92 Rzz. 8, 9; a.A. MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 92 Rz. 24, der unterstellt, Abs. 4 setzte für das Unbedingtwerden des Provisionsanspruchs mangels abweichender Vereinbarung die Zahlung der vollen Prämie voraus und dabei unberücksichtigt lässt, dass der VV nicht minder schutzbedürftig ist als der HV). Damit entziehen die Normen der §§ 92 Abs. 2, Abs. 4, 87 a Abs. 1 Satz 3 HGB der Parteidisposition, dass der Anspruch des VV auf Provision unbedingt, soweit die maßgebliche Prämie eingeht (vgl. dazu Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 92 Rz. 9; Heymann/Froitzheim, HGB, 3.A., § 92 Rz. 11; Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 92 Rz. 77, 90; Staub/Emde, HGB, 5.A., § 92 Rz. 77; Panzer, Provisions-, Ausgleichs- und Schadensersatzansprüche des Versicherungsvertreters bei Maklereinbruch 2001, S. 41; Anm. 2.1 zu OLG Jena, 28.04.2009; offengelassen von BeckOK-HGB//Lehmann, § 92 Rz. 31; a.A. Röhricht/Graf v. Westphalen/Thume, HGB, 3.A., § 92 Rz. 7). Die Vertreter einer abweichenden Auffassung müssen sich fragen lassen, warum aber der VV schlechter gestellt werden soll als der HV, der mit der Ausführung des Geschäfts durch den Dritten seinen Provisionsanspruch unabhängig von einer abweichenden Vereinbarung mit dem U erwirbt.

12.2 Soweit § 92 Abs. 4 HGB die Vorschrift des § 87 a Abs. 1 HGB nennt, sind nur die ersten beiden Sätze der Norm gemeint. Deshalb gilt nach § 92 Abs. 2 HGB die Vorschrift des § 87 a Abs. 1 Satz 3 HGB, wonach der VV unabhängig von einer Vereinbarung Anspruch auf Provision hat, soweit der VN das Geschäft ausgeführt hat, also die Prämie entrichtet hat, aus der sich die Provision nach dem Agenturvertrag mit dem VU errechnet. Dies bedeutet, dass der VV die Provision für das gesamte Jahr bereits endgültig mit Zahlung der Jahresprämie durch die Kunden im Januar verdient hat und die Provision für das halbe Jahr oder das Quartal, soweit der VN bereits für das erste Quartal oder das erste Halbjahr die Prämie im Januar 2020 an den vertretenen Versicherer entrichtet hat.

12.3 Soweit § 87 a Abs. 1 Satz 3 HGB auf die erste Ausführungshandlung beschränkt wird, weshalb die Vorschrift auf Folgeprovisionen nicht anwendbar sei (Emde Vertriebsrecht, 3.A., § 92 Rz. 91), kann dem nicht gefolgt werden, weil sich aus der Norm des § 92 Abs. 4 HGB nichts für eine solche Beschränkung herleiten lässt. Es kommt hinzu, dass auch die Folgeprovision ein Geschäft zum Gegenstand hat, weil das Dauerschuldverhältnis Versicherungsvertrag aus einer Mehrzahl von Geschäften besteht, die jeweils die Versicherungsperioden zum Inhalt haben, für die der VN unwiderruflich zur Prämienzahlung verpflichtet ist (zum Geschäftsbegriff vgl. 15.2 zu LG Osnabrück, 04.12.2001 - AachenMünchener 3 -).

zu LS 13 vgl. Bruck/Möller, VVG, 8.A., Anm. Anm. 290 vor §§ 43-48;

zu LS 15 vgl. Schröder, Recht der Handelsvertreter, 5.A., § 87 a Rz. 30;

zu LS 18 vgl. OLG Koblenz, 27.03.1980 LS 18; vgl. Fleischmann, VersR 57, 9 11; Trinkhaus, Handbuch der Versicherungsvermittlung 1955, Bd. I, 189; Schröder, Recht der Handelsvertreter, 5.A., §  87 a Rz. 28