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BGH, 23.02.1994 - VIII ZR 94/93 - (Urteil)

BGH, 23.02.1994 - VIII ZR 94/93 - (Urteil)

Fundstellen

NJW 94, 1350; r+s 95, 240; VersR 94, 807; ZIP 94, 454; BB 94, 594; BetrAV 1994, 84; DB 1994, 881; MDR 1994, 564; WiB 94, 320; Juris; BeckRS 9998, 95180; IWW; Prinz Law; Wolters Kluwer

Gesetz

§ 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB

Stichworte

- Vorwerk 6 -; AA des HV; Anrechenbarkeit von Altersversorgungsleistungen; Leistungen zur Altersversorgung; Anrechnung; Fälligkeitsdifferenz; Anrechnungsklausel

Anmerkung

Vorinstanz OLG Düsseldorf, 12.02.1993; LG Wuppertal, 12.03.1992 - 12 O 7/90 -

vgl. zu dieser Entscheidung OLG München, 22.03.2001 LS 11 - Allianz 5 -;

zu LS 1 vgl. auch BGH, 20.11.2002 LS 15 - Allianz 5 -; 20.11.2002 LS 13, 19 - Axa Colonia 2 -; OLG Köln,  20.10.2014 LS 1819.09.1996 LS 3; OLG München, 21.03.2019 LS 13; 21.12.2005 LS 31 - Allianz 9 -; OLG München, 10.11.2010 LS 11; 21.07.2004 LS 9 - Versicherungskammer Bayern -; OLG Naumburg, 15.04.2003 LS 6; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. X Rzz. 83 ff.; Küstner, v. Manteuffel & Evers, Hrsg., Der Ausgleichsanspruch des Handelsvertreters 1998, Ziff. I 5.3. (a), S. 63ff.; Küstner, VW 99, 185; ders. BB 63, 1147; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 108a; MünchKommHGB/Ströbl, 5.A., § 89 b Rz. 126; Emde, VersVerm 01, 440, 440f.; vgl. ferner BGH, 17.11.1983 LS 6 - Allianz 2 -; Löwe/Schneider, ZIP 03, 1129, 1135;

zur Anrechenbarkeit einer Versorgungsanwartschaft auf den AA vgl. auch Küstner, VersR 04, 977; Evers/Kiene, ZfV 01, 585 ff., 618 ff.; 765 ff.; Martinek, FS für Lüke 1997, S. 409, 423, 425; Honsell, BB 84, 365; Lutz, DB 89, 2345; Küstner, VW 94, 1372;

allgemein zum AA des HV und zu Pensionszusagen Klinger, DB 58, 1192; Lutz, DB 89, 2345; Martin, DB 66, 1837; Neuburger/Gaa, BB 68, Beilage zu Heft 31; Rau, DB 58, 528; ders. DB 67, 403; Rössler, DB 58, 752; Sieg, VersR 68, 105; Waldner, DB 58, 579; Geilhardt, DB 58, 1436; Tschuk, Der Ausgleichsanspruch des Handelsvertreters bei Beendigung des Vertragsverhältnisses 1994, S. 67; kritisch dazu Präsidium des BVK, VersVerm 98, 120;

zu LS 2 vgl. BGH, 20.11.2002 LS 17 - Axa Colonia 2 -; OLG Köln, 30.01.2009 LS 6 m.w.N. - DEVK 6 -; Köln, 01.08.2003 LS 12 m.w.N. - DEVK 4 -; OLG München, 30.06.2005 LS 1 m.w.N. - Allianz 8 -; LG München I, 10.08.2000 LS 20; 21.03.2002 LS 29 - Allianz 6 -; OLG Celle, 16.05.2002 LS 28 m.w.N. - BHW 3 -; vgl. auch Anm. 1.2 zu LG Köln, 23.05.2000 - Axa Colonia 2 -; vgl. aber OLG München, 05.08.2009 LS 8 - Allianz 14 - (Vermeidung einer Doppelbelastung ist der zweite anspruchsmindernde Aspekt);

- es existieren keine starren Bemessungsregeln - vgl. OLG München, 16.11.2006 LS 10 m.w.N.;

2.1 Der Tatbestand der Vorschrift des § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 ordnet ausdrücklich an, dass die Billigkeitsprüfung unter Berücksichtigung aller Umstände vorzunehmen ist (so auch Geßler, Der Ausgleichsanspruch der Handels- und Versicherungsvertreter 1953, S. 77). Nach der gemäß § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB zwingenden Regelung des § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB sind daher stets die Umstände des Einzelfalls maßgeblich. Dies gilt nicht nur allgemein für die Billigkeitsprüfung (vgl. BGH, 16.03.1972 LS 2 m.w.N.), sondern auch für die Prüfung einer anspruchsmindernden Berücksichtigung unternehmerseitig für den HV finanzierter Altersversorgungsleistungen (OLG Düsseldorf, 22.12.1995 LS 2; 24.02.1995 LS 18; OLG München, 09.07.1964 LS 3 - Allianz 1 -; OLG Frankfurt/Main, 08.12.1970 LS 13; LG München I, 10.08.2000 LS 15 - Allianz 5 -; 31.10.1962 LS 2 m.w.N. - Allianz 1 -; LG Heilbronn, 04.01.1980 LS 25; LG Berlin, 26.01.1973 LS 2; a.A. wohl OLG Celle, 27.05.1977 LS 20, das offenbar dazu neigt, die Zahlung des AA generell als unbillig anzusehen, wenn und soweit eine aus Mitteln des U finanzierte Altersversorgung des HV besteht).

2.2 Der eigentliche Grund für die anspruchsmindernde Berücksichtigung der Leistungen des U für die Altersversorgung des HV bei der Bemessung des AA des HV beruht nicht auf dem Zweck der Altersversorgung oder einer ihr zuzumessenden funktionellen Verwandtschaft zum AA (a.A. Müller-Stein, VW 01, 415, 415f.). Es handelt sich vielmehr um die Überlegung, dass die sich aus der Vertragsbeendigung für den HV ergebenden vorteilhaften Umstände unter dem Gesichtspunkt der Billigkeit nach § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB zu einer Anspruchsminderung führen (vgl. BGH, 23.05.1966 LS 5).

2.3 Soweit die Vorteile des HV ihre Ursache in den zwischen den Parteien getroffenen Vereinbarungen haben, erfolgt die Anspruchsminderung unter dem anerkannten Billigkeitsgesichtspunkt besonders günstiger Vertragsbedingungen (vgl. dazu BGH, 15.02.1965 LS 11 m.w.N.). Aus diesem Grund ist auch eine Vereinbarung über die Gewährung der Leistungen des U für die Altersversorgung des HV im Rahmen des Vertreterverhältnisses erforderlich. Anderenfalls würde es sich um einen vertragsfremden Umstand handeln. Die erforderliche Abrede ergibt sich im Zweifel aber schon aus der Vereinbarung zwischen den Parteien des HVV darüber, dass der HV in das Versorgungswerk eintritt, wenn ihm bei der Vereinbarung bekannt war oder wenn er es wenigstens hätte erkennen können, dass der U die Leistungen für die Altersversorgung mit der Maßgabe einer Anrechenbarkeit auf den bei Vertragsbeendigung fällig werdenden AA gewährt (vgl. BGH, 15.02.1965 LS 13). Davon ist stets dann auszugehen, wenn der U bei der Zusage der Leistungen nicht ausnahmsweise einen entgegenstehenden Willen äußert, weil man nicht vermuten kann, dass der U auf ihm günstige Rechtspositionen, wie sie anspruchsmindernde Billigkeitsgesichtspunkte darstellen, ohne weiteres verzichtet.
 
zu LS 3 vgl. OLG Naumburg, 15.04.2003 LS 4; OLG Düsseldorf, 26.05.2017 LS 85 - Victoria 5 -; OLG Köln, 21.04.2016 LS 8; 19.09.1996 LS 5; OLG München, 16.11.2006 LS 8; LG Saarbrücken, 13.09.2000 LS 3 - General Accident 3 -; LG Stuttgart, 15.06.2001 LS 5; vgl. aber OLG Köln, 21.04.2016 LS 8; 28.11.2014 LS 12 - DEVK 12 -; OLG München, 10.11.2010 LS 11 (funktionelle Verwandtschaft schwinde mit wachsender Wartezeit bis zur Fälligkeit der Leistungen aus der Altersversorgung); LG Köln, 23.05.2000 LS 3 - Axa Colonia 2 -; a.A. OLG Hamburg, 10.08.2009 LS 4 - Hamburg-Mannheimer 11 -; OLG München, 12.02.2004 LS 1 - Gothaer 1 -; LG Stuttgart, 07.11.2003 LS 22 - Wüstenrot -; zur Behandlung der Fälligkeitsdifferenz vgl. OLG Düsseldorf, 22.12.1995 LS 6 m.w.N.; vgl. aber auch LG Aachen, 25.04.1975 LS 9, 10, 11, 18, 19 zu den Unterschieden zwischen der bAV und dem AA;

zu LS 4 vgl. BGH, 20.11.2002 LS 10 m.w.N. - Allianz 5 -; 17.11.1983 LS 13; LG Köln, 04.07.1997 LS 11 m.w.N.; LG München I, 10.08.2000 LS 21 - Allianz 5 -; Anm. 23.2 zu LG Stuttgart, 28.01.2000; vgl. aber LG Stuttgart, 28.01.2000 LS 23; a.A. Küstner, FS für Trinkner 1995, S. 193, 210, ders. HdB-ADR, Bd. II, 6.A. Rz. 1071 i.V.m. Rz. 895, nach dessen Auffassung die Vereinbarung einer Anrechnung des Anwartschaftsbarwerts der Altersversorgung auf den AA für den Fall einer erheblichen Fälligkeitsdifferenz gegen den Unabdingbarkeitsgrundsatz des § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB verstößt; vgl. auch OLG München, 22.03.2001 LS 11 - Allianz 5 -;

4.1 Wer eine Anrechnungsvereinbarung für den Fall der Fälligkeitsdifferenz als mit dem Unabdingbarkeitsgrundsatz unvereinbar ansieht, verkennt, dass die Einigung der Parteien über die Anrechenbarkeit lediglich das Fundament für eine unter dem anerkannten Gesichtspunkt besonders günstiger Vertragsbedingungen vorzunehmende Anspruchsminderung bildet (vgl. oben die Anm. 2.3 zu dieser Entscheidung). Eine besonders günstige Vertragsbedingung wäre nur dann nicht gegeben, wenn der U einseitig und über den Kopf des HV hinweg entscheiden würde, dass er eine Altersversorgung für den HV aufbaut und er dem HV damit dem Risiko aussetzt, dass ihm im Falle einer Fälligkeitsdifferenz der AA nicht vollumfänglich zufließt. Nimmt der Vertreter die Leistungen des U in seine Altersversorgung jedoch an, so liegt darin im Zweifel auch eine Einigung der Parteien über die Berücksichtigung dieser Leistungen des U bei der Ermittlung des AA. Haben die Parteien keine ausdrückliche Anrechnungsvereinbarung getroffen, so kann die Versorgungszusage allenfalls unter besonderen Umständen unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls gemäß § 157 BGB dahin auszulegen sein, dass eine Anrechnung nicht erfolgen soll (Trinkhaus, HdB der Versicherungsvermittlung 1955, S. 419; Leuze, Das Recht des Versicherungsvermittlers 1953, S. 13).

4.2 Gehen die Parteien in der Anrechnungsvereinbarung über den Rahmen des auf der Grundlage des § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB HGB Zulässigen hinaus und legen sie nicht nur eine Berücksichtigung der vom U finanzierten Altersversorgungsleistungen fest, sondern darüber hinausgehend auch den Umfang, in dem ein Billigkeitsabschlag vorgenommen werden soll, ist einer Anrechnungsvereinbarung gemäß § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB die Wirksamkeit zu versagen. Denn die Anrechnungsvereinbarung darf nicht dazu führen, dass die Billigkeitsprüfung eingeschränkt wird. Unter dem Gesichtspunkt der Billigkeit sind anspruchsmindernde und anspruchserhaltende Aspekte gegeneinander abzuwägen mit der Folge, dass sie sich im Ergebnis kompensieren (vgl. dazu BGH, 21.11.1960 LS 16 m.w.N.). In diesen Fällen kommt eine Minderung nicht in Betracht. Wird sie gleichwohl angeordnet, etwa in dem es in der Anrechnungsvereinbarung heißt, der Anwartschaftsbarwert der aus Mitteln des U finanzierten Altersversorgung ist voll vom ermittelten Ausgleichswert abzuziehen, so beschränkt diese Vereinbarung den AA in der Anspruchsvoraussetzung des § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB mit der Folge, dass ihr gemäß § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB die Wirksamkeit zu versagen ist.

4.3 Nach einer teilweise vertretenen Auffassung soll eine Anrechnungsvereinbarung für den Fall einer Fälligkeitsdifferenz den Unabdingbarkeitsgrundsatz des § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB schon dann verletzen, wenn die Versorgungsanwartschaft weder kapitalisiert noch auch nur beliehen werden kann (OLG Düsseldorf, 22.12.1995 LS 9 m.w.N.). Zwar führt die Anspruchsminderung wegen der Berücksichtigung der vom U getragenen Aufwendungen für die Altersversorgung des Vertreters zu einer Beschränkung des AA. Der Wert der Leistung des U für die Altersversorgung des Vertreters wird aber nicht schon dadurch neutralisiert, dass die Versorgungsanwartschaft weder kapitalisiert noch auch nur beliehen werden kann. Aus diesem Grunde verliert diese über die gesetzliche Verpflichtung des U hinausgehende besondere vertragliche Leistung des U nicht den Charakter einer besonders günstigen Vertragsbedingung. Es ist lediglich im Rahmen der Höhe der Anspruchsminderung zu prüfen, ob der Umstand, dass der HV sich den Kapitalwert der Altersversorgung nicht verfügbar machen kann, während er diese Möglichkeit bei einer von ihm selbst aufgebauten Altersversorgung ohne weiteres hätte, bei der Höhe der Anspruchsminderung zu berücksichtigten ist. Verfolgt der U mit der Versorgungszusage jedoch das Ziel, den HV an seine Absatzorganisation zu binden, indem er Leistungen von der Betriebszugehörigkeit abhängig macht (vgl dazu OLG Düsseldorf, 24.02.1995 LS 8), so kann bei wertender Betrachtung nicht mehr davon gesprochen werden, dass die Versorgungszusage für den HV so günstig ist, dass sie eine Anspruchsminderung nach Maßgabe des § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB rechtfertigt. In diesem Fall muss eine Anspruchsminderung in dem Umfang ausscheiden, in dem der HV die Leistungen durch seine Betriebstreue verdient hat.