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OLG Hamm, 14.05.2018 - I-18 U 85/17 - (Urteil)

ECLI
ECLI:DE:OLGHAM:2018:0514.18U85.17.00
Gesetz
§ 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO; § 87 Abs. 1 HGB; § 87 Abs. 3 HGB; § 87 Abs. 3 Nr. 2 HGB; § 87 a Abs. 3 HGB; § 87 a Abs. 5 HGB; § 87 c Abs. 2 HGB; § 87 c Abs. 3 HGB; § 87 c Abs. 4 HGB; § 92 HGB; § 92 Abs. 2 HGB; § 92 Abs. 4 HGB; § 242 BGB
Stichworte
- LVM 7 -; Buchauszug; Zulässigkeit des Klageantrags; Provisionsrelevanz der Angaben; Darlegungs- und Beweislast; Rechtsmissbrauch; Schikane; Inhalt des Rechts auf Bucheinsicht
Anmerkung


rkr.; Vorinstanz LG Münster, 21.06.2017 - 26 O 73/16 -; nachfolgend BGH, 24.07.2019 - VII ZR 129/18 - Verwerfung der Nichtzulassungsbeschwerde; der 18. Zivilsenat hatte die Revision nicht zugelassen, weil die Sache weder grundsätzliche Bedeutung habe noch die Fortbildung des Rechts oder die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Befassung des BGH verlange;

Praxishinweis:

Die Entscheidung ist in ihrer praktischen Bedeutung nicht zu unterschätzen. Sie erhöht die an eine Provisionsverzichtsklausel in VVV zu stellenden Anforderungen zur Vermeidung einer unangemessenen Benachteiligung des VN wesentlich, indem sie fordert, dass der Provisionsverzicht sich nicht auf Provisionsansprüche des VV aus § 87 a Abs. 3 Satz 1 HGB wegen verspätet ausgeführter Geschäfte erstrecken darf (LS 63). Der Senat hat damit stillschweigend seine bisherige Rechtsprechung aufgegeben (OLG Hamm, 21.03.2011 LS 31 - 36 Continentale 5 -). Dies beruht wohl auf der nicht ausdrücklich ausgesprochenen Erwägungen, dass die Annahme des Erfordernisses einer Provisionsverzichtsklausel nicht mehr dem gesetzlichen Leitbild des § 89 b HGB 2009 entspreche (zweifelnd zuvor schon OLG Oldenburg, 16.09.2010 LS 3 - ABV 1 -). Die gängigen Provisionsverzichtsklauseln in der Versicherungswirtschaft, die sich an die Klausel des § 12 Abs. 4 Satz 1 der Hauptpunkte eines Vertrages für selbständige hauptberufliche Versicherungsvertreter gemäß §§ 84. Abs. 1, 92 HGB (abgedruckt in VW 00, 476; Hopt, Handelsvertreterrecht, 6.A., Anhang XI.; Kommentierung der Hauptpunkte bei Benkel/Hirschberg, Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung, 2.A., Rzz. 122 ff.; sowie der dem Werk von Zinnert, Der Versicherungsvertreter 2009 anliegenden Dokumentation) orientieren, tragen der zwingenden Vorschrift des § 87 a Abs. 3 HGB nicht Rechnung und lassen sich mit dem Leitbild von § 89 b HGB 2009 nicht vereinbaren. Die Verbände (GDV, VGA und BVK) sind nunmehr gefordert, die Hauptpunkte entsprechend abzuändern.

zu LS 1 vgl. Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 87 c Rz. 204;

zu LS 2 vgl. OLG Celle, 11.06.2004 LS 3 m.w.N.; OLG Düsseldorf, 18.01.2008 LS 5 - ARAG 10 -;

zu LS 7 vgl. Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 87 c Rz. 204; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 87 c Rz. 110;

zu LS 10 - Zulässigkeit eines Buchauszugsantrags ohne Bezeichnung der erforderlichen Angaben - vgl. OLG Stuttgart, 03.12.1997 LS 2 m.w.N.; OLG München, 20.07.2000 LS 1; Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 87 c Rz. 204; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 87 c Rz. 110, 112;

zu LS 22 Küstner/Thume/Reimer, HdB-VertR, 5.A., Bd. I, Kap. VI Rz. 95; Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 87 c Rz. 138;

zu LS 23 vgl. Prölss/Martin/Rudy, VVG, 30.A., § 3 Rz. 1;

zu LS 24 vgl. OLG Düsseldorf, 13.01.2017 LS 5, 6 - DVAG 51 -; BFH, 27.05.1998 LS 3, 8 13, 14; Küstner/Thume/Reimer, HdB-VertR, 5.A., Bd. I, Kap. VI Rzz. 271 f.; Anm. 19.2 zu OLG Köln, 12.02.2010 - Axa 9 -;vgl. aber LG Hannover, 16.06.2005 LS 2; LG Dortmund, 18.03.2010 LS 17 - Continentale 5 -;

zu LS 32 32.1 Die Mitteilung des Inhalts des Ersatzvertrages könnte zwar unter dem Gesichtspunkt eines Ersatzgeschäfts geschuldet sein (vgl. dazu OLG Frankfurt/Main, 10.02.1981 LS 6 m.w.N.). Dies setzt jedoch voraus, dass der VV darlegt, dass der Vertragsnachfolger gehandelt hat, um sich einen Provisionsanspruch zu verschaffen und damit zu vereiteln, dass der Provisionsanspruch des Vorgängers unbedingt wird.

32.2 Weder im Falle der Kündigung des VN (vgl. dazu Anm. 21.1 ff.
zu OLG Brandenburg, 20.05.2009) noch im Falle der Beitragsfreistellung (vgl. dazu Anm. 21.2 ff. zu OLG Brandenburg, 20.05.2009) ist ein Provisionsanspruch des Vorgängers nach § 87 a Abs. 3 Satz 1 HGB gegeben. Für die Anwendung der Nachbearbeitungsgrundsätze ist kein Raum, weil es an einer abweichenden Ausführung des Geschäfts i.S. des § 87 a Abs. 3 Satz 1 HGB fehlt, und zwar bei der Kündigung (vgl. Anm. 21.1.1 zu OLG Brandenburg, 20.05.2009) wie bei der Beitragsfreistellung (vgl. Anm. 21.1.2 zu OLG Brandenburg, 20.05.2009). Im Falle der Beitragsfreistellung ist für die Anwendung der Nachbearbeitungsgrundsätze nur Raum, wenn der VN nicht eindeutig und klar von dem Recht auf Umwandlung Gebrauch gemacht hat (vgl. Anm. 21.2.4 zu OLG Brandenburg, 20.05.2009).

zu LS 42 vgl. Anm. 8.1.4 zu BGH, 20.01.2011;

zu LS 43 zur Frage, unter welchen Voraussetzungen Abrechnungen einem Buchauszug gleich kommen vgl. BGH, 11.10.1990 LS 11 m.w.N. - Thermodachelemente -; 23.10.1981 LS 6 m.w.N.;

zu LS 48 - Anforderungen an den substantiierten Vortrag bei Unmöglichkeit - vgl. OLG Hamburg, 11.10.2000 LS 22 m.w.N. - Axel Springer Verlag 1 -; LG Köln, 30.11.1999 LS 2; zur Unbeachtlichkeit etwaiger Beschränkungen durch die verwendete EDV vgl. LG Düsseldorf, 20.03.2007 LS 30 - ARAG 8 -; ebenso wenig kann der U mit dem Unzumutbarkeitseinwand gehört werden, vgl. BGH, 21.03.2001 LS 53 m.w.N. - Axa Colonia 1 -;

zu LS 52 - Wahlrecht des HV - vgl. Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 87 c Rz. 174;

zu LS 53 53.1 Dies kann jedoch nur dann gelten, wenn der HV die Bucheinsicht verlangt, nachdem ihm der U den Buchauszug vorenthalten hat (MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, HGB, 4.A., § 87 c Rz. 71). Entsprechendes wird für den Fall zu gelten haben, dass der HV darlegt, dass ein vom U erstellter Buchauszug nicht nur unvollständig ist, sondern Fehler aufweist, die so schwerwiegend sind, dass der gesamte Buchauszug wertlos ist oder die Zweifel an der Richtigkeit des Buchauszugs insgesamt begründen (OLG Hamm, 12.06.2003 LS 12). Aber auch in diesem Fall ist vom HV zu verlangen, dass er in seinem Antrag auf Bucheinsicht darlegt, zur Prüfung welcher für die Beurteilung der Provision nach der Provisionsabrede erforderlicher Daten des U er die Bucheinsicht begehrt (vgl. dazu auch die Anm. 1.2 zu OLG Celle, 20.10.1961)

53.2 Begründet der HV die Bucheinsicht damit, ein ihm vom U erteilter Buchauszug sei in Bezug auf bestimmte Geschäfte oder Angaben zu diesen unvollständig oder unrichtig, läuft die Bucheinsicht nicht darauf hinaus, dass ein Buchauszug erstellt wird. Denn nach dem Wortlaut der Vorschrift des § 87 c Abs. 4 HGB ist die Einsicht nur zu gewähren, soweit sie zur Feststellung der Richtigkeit oder Vollständigkeit des Buchauszuges erforderlich ist (OLG München, 13.08.1964 LS 2 m.w.N.). Begehrt der HV Bucheinsicht wegen eines unvollständigen Buchauszuges, muss er in seinem Antrag erst recht aufzeigen, inwieweit und bei welchen Punkten bzw. Geschäften der Buchauszug lückenhaft ist und welcher weiteren Angaben er bedarf. Nur insoweit kann und darf der HV Bucheinsicht beantragen (OLG Hamm, 12.06.2003 LS 13).

zu LS 62 - Wirksamkeit der Ausschlussklausel - vgl. bejahend OLG Stuttgart, 21.06.2012 LS 39 m.w.N. - SDK 1 -; Baumbach/Hopt, HGB, 39.A., § 92 Rzz. 5, 9 und § 89 b Rz. 91; a.A. Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 92 Rz. 10 Individualvereinbarung erforderlich; vgl. aber auch Daum, VersR 11, 565, 567; zur Wirksamkeit von Provisionsverzichtskauseln allgemein vgl. bejahend OLG Frankfurt/Main, 18.02.1986 LS 3 m.w.N.; OLG Hamm, 21.03.2011 LS 31 - Continentale 7 -; verneinend Evers, Anm. 11.1 ff. zu OLG Köln, 17.08.2001 - Axa Colonia 2 -, zweifelnd auch OLG Oldenburg, 16.09.2010 LS 3 - ABV 1 -;

zu LS 63 vgl. OLG Oldenburg, 16.09.2010 LS 8 m.w.N. - ABV 1 -; OLG Düsseldorf, 31.01.2020 LS 70 - Mobilfunk 2 -;
LG Stuttgart, 03.08.2011 LS 74 - Wüstenrot 3 -; Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 89 b HGB Rz. 558; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. I, Kap. V Rz. 171d und Rzz. 481, 482; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 92 Rz. 16; Anm. 8.4 zu OLG Köln, 17.08.2001 - Axa Colonia 2 -; vgl. aber OLG Hamm, 21.03.2011 LS 31 - Continentale 7 -; vgl. aber auch Anm. 19.2 zu BGH, 21.10.2009; Anm. 14.4 zu OLG Hamburg, 11.10.2000 - Axel Springer Verlag 1 - (verspätete Geschäftsausführung macht den Provisionsanspruch nicht zu einem Anspruch auf Überhangprovision oder nachvertragliche Provision, weil § 87 a Abs. 3 Satz 1 HGB den Anspruch unbedingt entstehen lässt); a.A. noch OLG Hamm, 21.03.2011 LS 31 - Continentale 5 -; im Ergebnis auch OLG Jena, 28.04.2009 LS 1; OLG Köln, 12.02.2010 LS 15 - Axa 9 -; OLG Frankfurt/Main, 03.10.2010 LS 1 - ABV 2 -; OLG Nürnberg, 10.09.2003 LS 1 - DEVK 5 -; OLG Stuttgart, 21.06.2012 LS 52 - SDK 1 -; LG Darmstadt, 13.08.2009 LS 9 - ABV 4 -; zur Wirksamkeit einer Provisionsverzichtsklausel vgl. OLG Frankfurt/Main, 18.02.1986 LS 3 m.w.N.;

zu LS 64 Dass es sich um einen Schreibfehler handelt, dürfte ausgeschlossen sein, weil die von U im Streitfall verwendete Provisionsverzichtsklausel (LS 60) in den maßgeblichen Teilen der des § 12 Abs. 4 Satz 1 der Hauptpunkte eines Vertrages für selbständige hauptberufliche Versicherungsvertreter gemäß §§ 84. Abs. 1, 92 HGB (abgedruckt in VW 00, 476; Hopt, Handelsvertreterrecht, 6.A., Anhang XI.; Kommentierung der Hauptpunkte bei Benkel/Hirschberg, Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung, 2.A., Rzz. 122 ff.; sowie der dem Werk von Zinnert, Der Versicherungsvertreter 2009 anliegenden Dokumentation) entspricht.

zu LS 66 - Erforderlichkeit einer Provisionsverzichtsklausel - vgl. OLG Düsseldorf, 01.07.1994 LS 6 m.w.N.; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. IX Rzz. 198 ff.; Röhricht/Graf von Westphalen/Thume, HGB, 3.A. § 89 b Rz. 162; Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 89 b HGB Rz. 553; die Aussage, dass eine Provisionsverzichtsklausel Bedingung für die Entstehung eines AA gewesen sei, war indessen in der Allgemeinheit niemals haltbar (Anm. 6.2 zu OLG Düsseldorf, 01.07.1994);

zu LS 67 vgl. Emde, Vertriebsrecht, 3.A., § 89 b HGB Rz. 559; allerdings soll in der Geltendmachung des AA nach den "Grundsätzen" ein stillschweigender Provisionsverzicht liegen (OLG Köln, 17.08.2001 LS 17 - Axa Colonia 2 -); vgl. aber auch OLG Stuttgart, 21.06.2012 LS 62 - SDK 1 -;

zu LS 70 vgl. MünchKommBGB/Basedow, 8.A., § 306 Rz. 43; Palandt/Grünewald, BGB, 77.A., § 306 Rz. 11;

zu LS 71 vgl. aber LG Dortmund, 29.01.1968 LS 15 - Signal -;

zu LS 77 vgl. Musielak/Voit/Lackmann, ZPO, 16.A., § 711 Rz. 2