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OLG München, 27.03.2019 - 7 U 618/18 - (Urteil)

OLG München, 27.03.2019 - 7 U 618/18 - (Urteil)

ECLI

ECLI:DE:OLGMUEN:2019:0327.7U618.18.0A

Gesetz

§ 87 a Abs. 3 Satz 2 HGB; § 8 VVG

Stichworte

- Die Bayerische 3 -; Nachbearbeitungsgrundsätze; schwebend unwirksames Geschäft; Pflicht zur Nachbearbeitung notleidender Versicherungsverträge trotz Widerrufs; notleidende Versicherungsverträge; Pflicht zur Nachbearbeitung

Anmerkung



Vorinstanz LG München I, 14.09.2017 - 5 O 523/17 -;

zu LS 7 vgl. a.A. Anm. 21.2, 21.2.2 zu OLG Brandenburg, 20.05.2009;

zu LS 8 vgl. a.A. Anm. 21.2, 21.2.2 zu OLG Brandenburg, 20.05.2009;

8.1 Beantragt der VN, den Versicherungsvertrag beitragsfrei zu stellen, übt er damit das ihm in § 165 Abs. 1 VVG versicherungsvertraglich vorbehaltenes Recht aus, jederzeit verlangen zu können, dass die Lebensversicherung in eine prämienfreie umgewandelt wird, sofern die dafür vereinbarte Mindestversicherungsleistung erreicht wird. Ein wirksames Umwandlungsverlangen hat zur Folge, dass sich der Versicherungsschutz auf die beitragsfreie Versicherungssumme beschränkt; in Höhe des darüber hinausgehenden Betrags erlischt die Versicherung (OLG Frankfurt/Main, 22.03.2018 LS 3). Bei dem auf eine Umwandlung gerichteten Freistellungsverlangen des VN handelt es sich um eine einseitige, empfangsbedürftige Willenserklärung mit rechtsgestaltender Wirkung (OLG Frankfurt/Main, 22.03.2018 LS 5). Die Erklärung wird mit ihrem Zugang bei dem Versicherer wirksam (OLG Frankfurt/Main, 05.03.2015 LS 10). Eine Annahme durch den Versicherer ist nicht erforderlich (OLG Frankfurt/Main, 22.03.2018 LS 5).

8.2 Aber auch dann, wenn die Mindestversicherungsleistung nicht erreicht worden ist, folgt aus der Vorschrift des § 165 Abs. 1 VVG, dass die Versicherung im Übrigen erlischt (OLG Frankfurt/Main, 05.03.2015 LS 1). Diese Folgen treten automatisch ein (OLG Frankfurt/Main, 05.03.2015 LS 5). Die Umwandlung ist grundsätzlich endgültig (OLG Frankfurt/Main, 05.03.2015 LS 6). Der VN hat keinen Anspruch auf Wiederherstellung des ursprünglichen Versicherungsvertrages (OLG Frankfurt/Main, 05.03.2015 LS 7). Deshalb muss der Versicherer in diesem Fall den Rückkaufswert auszahlen (OLG Frankfurt/Main, 05.03.2015 LS 4) und die Versicherung erlischt automatisch (OLG Frankfurt/Main, 05.03.2015 LS 5). Ist bei diesen Gegebenheiten mit Zugang der Erklärung des VN beim Versicherer nur noch ein Neuabschuss der Versicheurng möglich (OLG Frankfurt/Main, 05.03.2015 LS 7), zeigt dies, dass die Norm des § 87 a Abs. 3 Satz 1 HGB nicht zur Anwendung gelangen kann.

zu LS 18 vgl. OLG Köln, 09.08.2013 LS 4 m.w.N.; Staub/Emde, HGB, 5.A., § 87 a Rz. 62; Baumbach/Hopt, HGB, 40.A., § 87 a Rz. 21; vgl. auch BAG, 14.03.2000 LS 4;

zu LS 19 vgl. Prölss/Martin/Armbrüster, VVG, 30.A. § 8 Rz. 9; BeckOK-VVG/Brand, § 8 Rz. 8; Langheid/Rixecker, VVG, 6.A., § 8 Rz. 1; MünchKommVVG/Eberhardt, 2.A., § 8 Rz. 5; Schimikowski, Versicherungsvertragsrecht, 6.A., Rz. 37;

zu LS 20 vgl. BeckOK-VVG/Brand, § 8 Rz. 8; a.A. Anm. 4.1 ff. zu OLG Celle, 28.06.2001 - AWD 32 -; sowie die Anm. 21.3 zu OLG Brandenburg, 20.05.2009;

zu LS 21 vgl. OLG Köln, 02.07.2010 LS 19; 13.06.2000 LS 17 - OVB 6 -; OLG München, 27.03.2019 LS 20 - Die Bayerische 3 -; LG Saarbrücken, 08.08.2008 LS 11, 12, 13; vgl. auch auch OLG Düsseldorf, 15.12.2000 LS 25 - ARAG 2 -; a.A. OLG Zweibrücken, 11.06.2015 LS 6; ArbG Stuttgart, 12.07.2018 LS 28 - OVB 30 -; Anm. 4.1 ff. zu OLG Celle, 28.06.2001 - AWD 32 -; sowie die Anm. 21.3 zu OLG Brandenburg, 20.05.2009;

21.1 Zwar ist dem darin zu folgen, dass von einer schwebenden Wirksamkeit des Versicherungsvertrages bis zum Widerruf nach § 8 VVG auszugehen ist (a.A. OLG Brandenburg, 20.05.2009 LS 36).

21.2 Auch wenn die Erklärung des Widerrufs nicht zur Folge hat, dass es von vornherein an einem wirksam zustande gekommenen Versicherungsvertrag fehlt, gelangt § 87 a Abs. 3 HGB gleichwohl nicht zur Anwendung (so im Ergebnis auch BGH, 08.07.2021 LS 128). Maßgeblich hierfür ist der Umstand, dass es entweder von vornherein an einem Geschäft i.S. des § 87 Abs. 1 HGB fehlt, soweit der Versicherer keinen unwiderruflichen Anspruch gegen den VN erworben hat, den Versicherungsvertrag durch Zahlung der Prämie weiter auszuführen als bis zum Widerruf (vgl. Anm. 15.2 zu LG Osnabrück, 04.12.2001 - AachenMünchener 3 -) oder das jedenfalls anzunehmen wäre, dass es an einer abweichenden Ausführung des Geschäfts fehlt. Denn der VN hat von einem ihm von vornherein vorbehaltenen Recht Gebrauch gemacht, den Vertrag insoweit nicht auszuführen. Deshalb kann § 87 a Abs. 3 HGB nicht zur Anwendung gelangen, weil die Leistungspflicht des VN von vornherein teilweise auflösend bedingt war (vgl. BGH, 11.10.1990 LS 2 - Dämmplatten -).
21.3 Bei seinen Erwägungen zieht der Senat auch nicht ins Kalkül, dass die Vorschrift des § 87 a Abs. 3 HGB auf der Erwägung beruht, dass der VV alles Erforderliche getan hat, dem U einen Anspruch auf Ausführung des Geschäfts zu verschaffen (OLG München, 03.05.1995 LS 3 m.w.N.). Solange dem VN jedoch der Widerruf vorbehalten ist, fehlt es an einer unbedingten Verpflichtung des VN zur Vertragsausführung, weshalb hat der VV noch nicht alles seinerseits Erforderliche getan, um den Kunden zu binden (vgl. dazu die Anm. 7.2 zu OLG Frankfurt/Main, 18.12.1984). Es sind noch weitere werbende Bemühungen erforderlich, um den Dritten zu verpflichten, die Leistung zu erbringen (vgl. dazu BGH, 24.04.1986 LS 5 m.w.N., 6 m.w.N.). Deshalb kann der VV den Schutz der Vorschrift des § 87 a Abs. 3 nicht für sich in Anspruch nehmen.

zu LS 23 vgl. Langheid/Rixecker, VVG, 6.A., § 8 Rz. 1; zu Eigenschaft der Versicherung als Rechtsprodukt vgl. Anm. 10.1 m.w.N. zu OLG Karlsruhe, 24.03.2016;

zu LS 26 vgl. MünchKommVVG/Eberhardt, 2.A. § 8 Rz. 26;

zu LS 28 vgl. OLG Brandenburg, 07.10.2010 LS 15; OLG Zweibrücken, 11.06.2015 LS 6