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OLG Düsseldorf, 05.11.2020 - I-16 U 133/20 - (Beschluss)

OLG Düsseldorf, 05.11.2020 - I-16 U 133/20 - (Beschluss)
Fundstellen
EversOK; VW 12/20, 78 (Evers)
Gesetz
§ 133 BGB; § 157 BGB; § 162 BGB; § 182 BGB; § 242 BGB; § 280 Abs. 1 BGB; § 675 BGB; § 667 BGB; § 86 HGB; § 6 Abs. 1 VVG; § 19 Abs. 5 VVG; § 513 Abs. 1 ZPO; § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO; § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 ZPO; § 546 ZPO; § 34 d Abs. 1 GewO
Stichworte
- Monuta -; Dispositionsfreiheit des U; Ablehnung von Geschäftsanträgen; Abschlussfreiheit; Schadensersatzanspruch des HV wegen willkürlicher Ablehnung von Geschäftsanträgen; Anspruch des VU auf Herausgabe einer Beratungsdokumentation
Anmerkung
Vorinstanz LG Düsseldorf, 17.01.2020 - 39 O 73/18 -;

Praxishinweis:

Nach den OLG Dresden (19.06.2007 LS 1 ff. - Stuttgarter 6 -) und Stuttgart (18.01.2006 LS 14 m.w.N. - Stuttgarter 3 -) hat sich erstmals mit dem 16. ZS ein Spezialsenat für Handelsvertretersachen mit der Frage befasst, unter welchen Umständen ein VV Schadensersatz wegen der Ablehnung vermittelter Anträge auf Abschluss von Lebensversicherungen hat. Ausgehend von der Abschlussfreiheit des U (LS 22) sieht der Senat den U grundsätzlich nicht als verpflichtet an, dem HV vernünftige oder gar einleuchtende Gründe dafür zu benennen, dass ein Antrag abgelehnt wird (LS 23). Auf der anderen Seite hebt er hervor, dass der U auch die Interessen des HV wahren müsse, wenn er Anträge ablehne (LS 26). Der U handele pflichtwidrig, wenn er den Geschäftsabschluss ohne rechtfertigenden Grund ablehne (LS 25). Dies sei allerdings nicht anzunehmen, wenn der U die Ablehnung darauf stütze, dass der Abschlussvermittler nicht in den Geschäftsanträgen genannt wird (LS 30, 33), dem Geschäftsantrag ein Beratungsprotokoll nicht beigefügt sei (LS 30, 31, 32), die Entbindung von der Schweigepflicht gegenüber Angehörigen der medizinischen Dienste fehle (LS 30, 37) oder die Belehrung nach § 19 Abs. 5 VVG nicht vorhanden sei (LS 30, 37). Nenne der U nachvollziehbare Gründe für die Ablehnung, sei der VV darlegungs- und beweisbelastet dafür, dass die Gründe nicht zutreffen (LS 39). Unklar ist nach der Entscheidung, ob dem VV ein Schadensersatzanspruch nach § 280 Abs. 1 BGB (LS 9) oder ein Erfüllungsanspruch auf Provision nach §§ 92 Abs. 2, Abs. 3, 87 Abs. 1 Satz 1, 1. HS HGB i.V.m. §§ 242, 162 BGB zustehen soll (LS 25).

zu LS 7 vgl. Musielak/Voit/Ball, ZPO, 17.A., § 520 Rzz. 31 u. 38; Zöller/Heßler, ZPO, 33.A., § 520 Rz. 37 a;

zu LS 13 vgl. Staudinger/Schilken, BGB 2019, § 167 Rz. 54; Palandt/Ellenberger, BGB, 79.A., § 167 Rz. 13; Erman/Maier-Reimer/Finkenauer, BGB, 16.A., § 167 BGB Rz. 58;

zu LS 15 vgl. Palandt/Ellenberger, BGB, 79.A., § 182 BGB Rz. 3; Staudinger/Klumpp, BGB 2019, § 182 Rzz. 11-13;

zu LS 22 vgl. BGH, 17.10.1960 LS 2 m.w.N.;

zu LS 23 vgl. Baumbach/Hopt, HGB, 39.A., § 86 a Rz. 13; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 86 a Rz. 16; Staub/Brüggemann, HGB, 4.A., § 86 a Rz. 3; wohl auch BGH, 12.12.1957 LS 13 m.w.N., 15; a.A. OLG Stuttgart, 18.01.2006 LS 15 - Stuttgarter 3 -; LG Leipzig, 19.01.2007 LS 10; Oetker/Busche, HGB, 6.A., § 86 a Rz. 20; Heymann/Stöber, HGB, 3.A., § 86 a Rz. 15; einschränkend OLG Düsseldorf, 05.11.2020 LS 27 - Monuta -; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 86 a Rz. 17 (zur Prüfung von Willkür); Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 86 a Rz. 45 (auf Verlangen des HV); Flohr/Wauschkuhn/Teichmann, Vertriebsrecht, 2.A., § 86 a Rz. 30 (sekundäre Begründungspflicht);

23.1 Dem Wortlaut der Vorschrift des § 86 a Abs. 2 Satz 2 HGB ist nicht zu entnehmen, ob dass der U auch die Gründe für die Ablehnung mitteilen muss. Die Auffassung, der U müsse dem HV Gründe für die Ablehnung eines Geschäftsantrags nicht nennen, wird damit begründet, dass eine widerlegbare Vermutung dafür bestehe, dass die Ablehnung auf vertretbaren Gründen des U beruhe, weil auch der U regelmäßig ein wirtschaftliches Interesse an dem Abschluss des Geschäfts habe (Flohr/Wauschkuhn/Teichmann, Vertriebsrecht, 2.A., § 86 a Rz. 30). Dem wird man möglicherweise in der Allgemeinheit für das anonyme Massengeschäft folgen können, nicht aber für Geschäfte, die ein Vertrauen des U in die Person des Kunden voraussetzen, wie etwa Lieferungen gegen Rechnung oder Versicherungsverträge, mit denen unbekannte Risiken in Deckung genommen werden.

23.2 Bereits der Umstand, dass der U dem HV die erforderlichen Nachrichten zu geben hat, um den HV in die Lage zu versetzen, seine Akquisitionsbemühungen danach auszurichten, schränkt den Raum erheblich ein, der dem U verbleibt, dem HV Ablehnungsgründe zu verschweigen. Sind Ablehnungsgründe nicht als erforderliche Nachrichten mitzuteilen, bleibt die Herausforderung, dass der U über die Gründe für seine Ablehnung Aufschluss geben muss, um dem HV zu erkennen zu geben, ob das Geschäft willkürlich abgelehnt worden ist (MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 86 a Rz. 17). Denn eine willkürliche Ablehnung ist auch schon dann anzunehmen (OLG Dresden, 19.06.2007 LS 6 - Stuttgarter 6 -), wenn der U den ihm vom HV zugeführten Geschäftsantrag ohne Prüfung und Abwägung der Gegebenheiten des Einzelfalls ablehnt, er also das ihm eingeräumte unternehmerische Ermessen gar nicht ausübt (OLG Dresden, 19.06.2007 LS 5 m.w.N. - Stuttgarter 6 -). Ob der U sein Ermessen ausgeübt hat, wird der HV im Zweifel nur im Falle der Begründung der Ablehnung erkennen können. Für einen zwischen diesen beiden bestehenden Informationspflichten liegenden Grundsatz, dass dem HV die Gründe für die Geschäftsablehnung vorenthalten werden können, ist daher kein Raum.

zu LS 24 vgl. MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 86 a Rz. 16; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 86 a Rz. 10;

zu LS 25 vgl. Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 86 a Rz. 10; Canaris, Handelsrecht, 24.A., § 15 Rz. 19; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. I, 5. A. Kap. V Rz. 446; Anm. 3.3 zu LG Stuttgart, 21.06.2005 - Stuttgarter 3 -; a.A. Hopt, Handelsvertreterrecht, 6.A., § 87 Rz. 8

zu LS 27 vgl. OLG Dresden, 19.06.2007 LS 2 m.w.N. - Stuttgarter 6 -; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 86 a Rz. 17; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 86 a Rz. 10; Staub/Emde, HGB, 5.A., § 86 a Rz. 100; vgl. dazu die Anm. 23.1 f;

zu LS 39 vgl. OLG Dresden, 19.06.2007 LS 11 - Stuttgarter 10 -;

zu LS 44 vgl. MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 86 Rzz. 55, 56; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 86 Rz. 49; Staub/Emde, HGB, 5.A., § 86 Rzz. 42, 43

Das VU ist gemäß § 6 Abs. 1 VVG zur Beratung des VN verpflichtet. Diese Beratung hat er zu dokumentieren. Verletzt er seine Beratungs- und Dokumentationspflicht bzw. seine Pflicht der Beratung während der Vertragslaufzeit, so kann er gegenüber dem VN, zum Ersatz des hierdurch entstandenen Schadens verpflichtet sein, § 6 Abs. 5 VVG. Das Gleiche gilt für den Versicherungsvermittler gemäß §§ 61, 63 VVG.