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OLG Köln, 01.03.2021 - 19 U 148/20 - (Beschluss)

OLG Köln, 01.03.2021 - 19 U 148/20 - (Beschluss)

ECLI

ECLI:DE:OLGK:2021:0301.19U148.20.00

Gesetz

§ 89 a HGB; § 89 a Abs. 1 HGB; § 89 b Abs. 3 Nr. 2 HGB; § 89 b Abs. 5 HGB; § 280 Abs. 1 BGB; § 280 Abs. 2 BGB; § 286 BGB; § 257 BGB; § 80 InsO; § 34 d Abs. 1 Satz 1 WpHG; § 6 WpHGMaAnzV; § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO; § 531 Abs. 2 Satz 1 ZPO

Stichworte

Ausschlussgrund; Nachschieben von Ausschlussgründen; Identität des Begriffs; wichtiger Grund; Verurteilung des VV wegen Steuerhinterziehung; verspätete Einreichung eines Führungszeugnisses; Prüfungsfolge; Interessenabwägung; Verhältnismäßigkeitsprinzip; Anforderungen an den Prozessvortrag zu befürchtende aufsichtsrechtliche Maßnahmen betreffend; Billigkeitsprüfung; Einstellung; Gewichtung; Abwägung der Billigkeitsaspekte; Billigkeitsreduzierung auf Null

Anmerkung



Vorinstanz LG Köln, 20.11.2020 - 89 O 21/20 -;

Praxishinweis:


Für die Praxis ist die Entscheidung unter sechs Gesichtspunkten von Bedeutung. (1) Der Senat strukturiert die Prüfung des Vorliegens eines wichtigen Grundes erstmals in zwei Schritte: a) Vorliegen von belastenden Tatsachen mit dem Gewicht eines wichtigen Grundes; b) Interessenabwägung (LS 4). Gegeneinander abzuwägen sind dabei im zweiten Schritt die Interessen an der Beendigung einerseits und der Fortsetzung andererseits, und zwar unter Würdigung alle Umstände des Einzelfalls und orientiert am Verhältnismäßigkeitsprinzip (LS 5). Dabei knüpft der Senat mit dem Postulat der Orientierung der Einzelfallabwägung am Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zwar an die Rspr. des OLG Düsseldorf an (26.05.2017 LS 43).
Es bleibt jedoch abzuwarten, ob dies nur dem Umstand geschuldet ist, dass die im Beschlusswege ergangene Entscheidung als kleine Münze einer Kommentarauffassung folgt oder sich dieser Ansatz in der weiteren Rspr. des Senats durchsetzt.
(2) In Fortschreibung der obergerichtliche Rspr., bei einer Verurteilung des Absatzmittlers wegen einer Straftat danach zu differenzieren, ob es sich um eine Tat zu Lasten des U handelt (OLG Frankfurt/Main, 13.11.2009 LS 41, 42 - McDonald's 3 -) gelangt der Senat zu dem Ergebnis, dass eine Verurteilung eines VV wegen einer Steuerhinterziehung den U nicht zur Kündigung des VVV aus wichtigem Grund berechtigt (LS 9, 27).
(3) Für die Kautelarpraxis ist es von Bedeutung, dass
der VV nach Ansicht des Senats bei turnusgemäßer Abfrage des Führungszeugnisses durch den U nicht verpflichtet sein soll, dem U eine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung anzuzeigen (LS 20).
(4) Die verzögerte Vorlage eines Führungszeugnisses durch den VV berechtigte den U nicht zur Kündigung aus wichtigem Grund (LS 25), und zwar auch dann nicht, wenn sich aus diesem eine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung ergebe (LS 27).
(5) An den Vortrag des VU, aufsichtsrechtlich zur Kündigung des VVV aus wichtigem Grund gezwungen zu sein, stellt der Senat strenge Anforderungen (LS 14).
(6) Schließlich deutet der Senat an, dass die Billigkeitsprüfung nach § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB 2009 in zwei Schritten zu vollziehen ist. Danach sind die einzustellenden Belange im ersten Schritt zu bewerten und im anschließenden zweiten Schritt gegeneinander abzuwägen (LS 30). Auch insoweit
bleibt abzuwarten, ob sich dieser Ansatz bei späteren Prüfungen des Senats als belastbar erweist oder er nur darauf beruht, dass der Berichterstatter die (vermeintlich) neueste Kommentierung verwendet hat.

zu LS 2 vgl. BGH, 25.11.1998 LS 18; 11.07.1975 LS 2 m.w.N.; MünchKommHGB/Ströbl, 5.A. § 89 b Rz. 210;

zu LS 3 vgl. MünchKommHGB/Ströbl, 5.A. § 89 a Rz. 13; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A. § 89 a Rz.12;

zu LS 5 vgl. MünchKommHGB/Ströbl, 5.A. § 89 a Rz. 15; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A. § 89 a Rz. 14; OLG Düsseldorf, 26.05.2017 LS 43; OLG Stuttgart, 30.11.2009 LS 16; LG München I, 25.11.2016 LS 14 m.w.N. - Die Bayerische 1 - (Beachtung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes); vgl. auch OLG Stuttgart, 29.04.2008 LS 5 m.w.N. (Beachtung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes im Rahmen der Prüfung des Erfordernisses einer Abmahnung);


zu LS 7 vgl. EuGH, 28.10.2010 LS 7 ff. - Volvo 5 -; OLG Rostock, 04.03.2009 LS 13, 14;


zu LS 8 vgl. OLG Köln, 21.08.2020 LS 74 m.w.N. - OVB 34 -; MünchKommHGB/Ströbl, 5.A. § 89 b Rz. 205; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A. § 89 b Rz. 178;

zu LS 10 vgl. OLG Frankfurt/Main, 13.11.2009 LS 41, 42 - McDonald's 3 -;

zu LS 21 Einschlägig ist die Regelung des § 34 d Abs. 5 Satz 2 GewO 2018, wonach die erforderliche Zuverlässigkeit nach § 34 d Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 GewO 2018 in der Regel nicht besitzt, wer in den letzten fünf Jahren vor Stellung des Antrages wegen eines Verbrechens oder wegen Diebstahls, Unterschlagung, Erpressung, Betruges, Untreue, Geldwäsche, Urkundenfälschung, Hehlerei, Wuchers oder einer Insolvenzstraftat rechtskräftig verurteilt worden ist.

zu LS 29 vgl. MünchKommHGB/Ströbl, 5.A. § 89 b Rz. 92; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A. § 89 b Rz. 84;

zu LS 30 vgl. MünchKommHGB/Ströbl, 5.A. § 89 b Rz. 99; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A. § 89 b Rz. 90 (Gewichtung); MünchKommHGB/Ströbl, 5.A. § 89 b  Rz. 100; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A. § 89 b Rz. 91 (Abwägung); Anm. 40.1 zu OLG Celle, 16.05.2002 - BHW 3 -;

zu LS 31 vgl. BGH, 21.11.1960 LS 16; MünchKommHGB/Ströbl, 5.A. § 89 b Rz. 100; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A. § 89 b Rz. 91; zur Kompensation anspruchsmindernder und anspruchserhaltender Gesichtspunkte der Billigkeit - vgl. Anm. 16.7 zu BGH, 21.11.1960; zur Frage der Erhöhung des AA unter dem Gesichtspunkt der Billigkeit vgl.
OLG Bremen, 16.12.1965 LS 3 m.w.N.;

zu LS 33 - Billigkeitsreduzierung auf Null - vgl. BGH, 16.03.1972 LS 4 m.w.N.; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rzz. 84 f.; MünchKommHGB/Ströbl, 5.A., § 89 b Rzz. 92 ff.